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Interview mit Ulrich Stacher am 27.01.2026 - Teil 2

Der folgende Text gib ein Interview von Esther Anatone mit Ulrich Stacher am 27. Jänner 2026 wieder. Das Transkript wurde geglättet, leicht bearbeitet und irrelevante Wortwiederholungen wurden entfernt. Inhalt, Wortwahl und Aussageabsicht bleiben unverändert.
Lies auch Teil 1.
- Esther Anatone
Wie würden Sie dann die Veränderungen beurteilen in der Kommunikation, in der Tätigkeit, eben auch im Verhältnis Information, den politischen Einfluss? Ich habe das jetzt so verstanden, dass das wirklich ein hartnäckiger Prozess war, dass man genauer hinschaut und nicht einfach alles akzeptiert, wo jeder behauptet, Entwicklungshilfe zu machen.
- Ulrich Stacher
Ja, das war hartnäckig, vor allem mit den sogenannten Trägerorganisationen, aber vor allem mit den Unternehmen, die vorher halt relativ leicht zu einer Unterstützung gekommen sind, für die war es dann nicht mehr so leicht. Da hat man halt gefragt, was soll dieses Werk dort oder da oder was soll denn eine Zuckerfabrik in einem Land machen, wo es keinen Zuckeranbau gibt. Das war ein Vorschlag der VEW, sie haben dann zugegeben, sie haben gerade eine fertige Fabrik liegen, die nicht abgenommen wurde.
- Maria Wirth
Darf ich noch einmal nachfragen, das kann für uns vielleicht ganz besonders interessant sein. Wie oft sind Sie drauf gekommen, dass ehemalige Nazis unterstützt wurden im Rahmen…
- Ulrich Stacher
Na ja, nicht sehr oft.
- Maria Wirth
Also, diese Schule in Guatemala…
- Ulrich Stacher
Die Schule in Guatemala, das haben aber andere auch gewusst, also nicht nur wir. Das war fast schon Allgemeinwissen, dass der Herr König ein alter Nazi ist und der flüchten musste, über die Kapuzinerroute. Also, dass der Altmann Klaus Barbie in Bolivien sitzt, sind wir erst darauf gekommen, wie er aufgeflogen ist. Wo unsere Zeitungen ja kaum was gebracht haben, wo wir eben wirklich auf Le Monde angewiesen waren.
- Esther Anatone
Ja, das ist ja dann eben im Endeffekt die Rolle, die die Evaluierung und das alles spielt, dass das…
- Ulrich Stacher
Genau, dass man den Empfänger prüft und den Geber prüft, oder den Vermittler, das war vielen überhaupt nicht recht.
- Esther Anatone
Aber dadurch waren auch sicher mehr Personen involviert und, oder auch externe Forschung?
- Ulrich Stacher
Ja.
- Esther Anatone
Ich würde jetzt ganz gern kurz einen Exkurs machen in Bezug auf Ihre Rückkehr aus Afrika 1977, weil in dem Jahr auch die Anti-Apartheid-Bewegung gegründet worden ist. Inwiefern also,… hatten Sie da Berührungspunkte oder…
- Ulrich Stacher
Wenig.
- Esther Anatone
Wie haben Sie die Zeit dann erlebt? Es ist trotzdem vielleicht eine spannende Perspektive, wenn man das so sieht.
- Ulrich Stacher
In Madagaskar, bei den französischen Freunden gab es eine Gruppe, die bei Outspan mitgemacht hat, das war der französische Name für die Anti-Apartheid-Bewegung. Und da habe ich relativ gute Beziehungen gehabt, aber auch mit Leuten aus Südafrika immer wieder. Von der österreichischen Anti-Apartheid, kannte ich nur die Frau Ingrid Gaisrucker, weiß nicht, ob Ihnen der Name etwas sagt, eine evangelische Pastorin, sie war in Kenia für den Jugendrat als Koordinatorin. Sie sollte dort einen Einsatz von Jugendratmitarbeitern vorbereiten und hatte den Auftrag, Projekte zu suchen und hat keins gefunden. Und wir haben sie nur deshalb besser gekannt, weil sie während unseres Heimaturlaubs in unserer Wohnung waren, drei Monate lang. Und dadurch hat man ein bisschen einen engeren Kontakt gehabt. Sie war engagiertes Anti-Apartheid Mitglied, 1976 aber ich muss ehrlich sagen, ich habe da keinen engen Kontakt in Österreich gehabt.
- Esther Anatone
Haben Sie das so bisschen verfolgt oder aus Ihrer Perspektive gesehen, wie da die österreichische Zivilbevölkerung ist, da man sich dann vielleicht ab dort erst doch mehr mit Afrika beschäftigt hat und Sie doch so viel früher.
- Ulrich Stacher
Ich habe nicht den Eindruck gehabt, dass die Anti-Apartheid ein breitenwirksames Instrument war. Also das war ein Grüppchen engagierter, aber die haben mit der Gründung des österreichischen Informationsdienstes für Entwicklungspolitik, ein bisschen einen breiteren Zugang bekommen, weil sie dann natürlich in der Zeitschrift auch mitgearbeitet haben. Der Informationsdienst ist ja aus dem Jugendrat eigentlich entstanden und die haben schon versucht, über Schulen und in der Öffentlichkeit ordentlich zu arbeiten. Sie haben es auch nicht leicht gehabt, auf der einen Seite waren sie auf öffentliche Gelder angewiesen, auf der anderen Seite durften sie nicht sagen, dass sie letztlich von der Regierung finanziert werden, sondern mussten auf uns – als Exponenten der Regierung – ein bisschen hinhauen. Das war ein spannungsgeladenes, interessantes, sehr freundschaftliches Unterfangen. Wir haben uns bekämpft, aber wir waren Freunde und bis heute bestehen diese Freundschaften. Aber sie haben es nicht leicht gehabt und wir haben sie finanziert. Und der Sektionschef Gatscha, der wie gesagt ein aufgeschlossener Mensch war, hat gesagt, ihr seid ja ein bisschen deppert, ihr finanziert die Leute, die euch ständig beschimpfen und angreifen. Was ist mit euch? Da haben dann wir wieder gesagt, ja, das muss so sein, dass die uns angreifen, weil sie meinen ja nicht uns, sondern sie meinen das System. Dann hat er wieder gemeint, ah, ihr seid Systemgegner und hat eine richtige Freude gehabt an diesen Diskussionen. Und dann gab es einmal eine wirklich sehr ernsthafte Frage vom Kabinett Kreisky, was da los ist, was wir da machen, weil doch der eine oder andere Diplomat das absolut nicht geschätzt hat. Und da hat uns aber Gatscha dann massiv geholfen und der Kabinettschef Lacina hat dann auch kalmiert.
- Esther Anatone
Aber damit leiten wir eigentlich eh auch schon über zu, wie Sie mit Bruno Kreisky erstmals Kontakt hatten und dann eben auch mit dem Bundeskanzleramt zusammengearbeitet haben. Da haben sie schon ein bisschen erläutert, dass es nicht immer so glatt gelaufen ist.
- Ulrich Stacher
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Der Kontakt war ein sehr entfernter würde ich sagen, zwischen dem Mitarbeiter in der Sektion und dem Bundeskanzler gab es also mindestens 4 Zwischenebenen. Und der Kanzler selber hat die Ernennungen unterschrieben zu Abteilungsleitern, aber weiter hat ihn das nicht interessiert und wenn nicht irgendwie Einflüsterer herumgegangen sind, hat er nicht einmal gewusst, wer die Leute sind, oder kaum gewusst. Also insofern gab es praktisch keinen Kontakt. Mein erster bewusster Kontakt mit ihm war bei der UNIDO-Konferenz in Neu-Delhi wo er die österreichische Delegation angeführt hat und da wollte er halt ein bisschen was über die Arbeit wissen. Es wurde eine Rede für ihn geschrieben von Botschafter Wolte und mir und Nussbaumer, der hat ein bisschen Angst gehabt, dass Kreisky vielleicht nicht zufrieden ist mit dem, was man da vorlegt und am Schluss hat er dann gemeint, naja, das geht auf euren Hut. Kreisky hat es dann runtergelesen und die Sache war erledigt. Aber da gab es das erste Mal einen persönlichen Kontakt, wo man so ein bisschen seine Meinung gehört hat, aber nichts Tiefschürfendes.
Ulrich Stacher bei einer Eisenbahnsitzung 1985
Nach seinem Ausscheiden als Bundeskanzler hat Kreisky das Wiener Institut für Entwicklungsfragen beauftragt ein bisschen herumzuschauen, wo es ein Infrastrukturprojekt in Afrika gibt, das man unterstützen könnte. Er hat damals dann eines in Burkina Faso besonders unterstützt, das war die Eisenbahn von Abidjan nach Ouagadougou und eine Verlängerung in ein Gebiet, wo man Manganerz abbauen wollte. Und da hat er sich sehr dafür eingesetzt und es gab dann auch ein Projekt, dass die Bahn vielleicht in den Niger hinein verlängert wird und vielleicht sogar einen Lückenschluss mit den nigerianischen Bahnen bringen sollte. Es war ein großes Projekt, von der Trans-Sahara-Eisenbahn der Franzosen wurde dagegen schon damals nicht mehr gesprochen. Wo es zwar wunderschöne Bahnhöfe gibt, aber nie ein Gleis. Und zu diesem Projekt über Burkina Faso-Niger gab es dann einmal eine Tagung, wo es diskutiert wurde, auch mit internationalen, eventuellen Geldgebern. Wobei ich ein bisschen enttäuscht war, dass die internationalen Teilnehmer eigentlich nicht hochrangig besetzt waren. Und ich habe damals halt aus meiner Sicht der Dinge eine vielleicht ein bisschen kritische Stellungnahme abgegeben in der Diskussion, weil ich gesagt habe über die Manganvorkommen gibt es keine seriösen Untersuchungen und eine Bahn zu bauen in einem Gebiet, das Hoffnungsgebiet ist, aber wo man nicht weiß, was daraus wird, ist vielleicht ein bisschen riskant. Das hat ihm nicht gefallen und er hat dann in Paris den Botschafter Lennkh gefragt, der mich ein bisschen gekannt hat und gemeint, der Stacher ist doch irgendwo ein komischer Kerl. Und der Lennkh hat gesagt, naja, aber das war alles, also eine nähere Beziehung haben wir nicht gehabt.
- Esther Anatone
Wie bewerten Sie dann aus Ihrer Perspektive seine entwicklungspolitischen,… seine Vorgehensweise, sein Denken, wenn das vielleicht auch nicht immer ganz gleich ist?
- Ulrich Stacher
Naja, sein Lieblingsthema war es nicht, die Entwicklungspolitik. Die Außenpolitik unter Einbeziehung der nicht industrialisierten Welt oder der Dritten Welt war schon sein Thema – Cancún. Mit Peter Kreisky, mit dem ich befreundet war, haben wir einmal so geredet über seinen Vater und ich habe gesagt, ich weiß nicht, ich kenne mich nicht aus, was er entwicklungspolitisch denkt. Peter meinte, da kann man sich nicht auskennen, weil das ist nicht sein Thema, er hat keine Beziehung zu Afrika, zu Lateinamerika vielleicht ein bisschen, weil das sind quasi Europäer, mit den Afrikanern hat er nichts am Hut. Und das hat sich auch gezeigt, wir haben ja kaum Botschaften gehabt in Afrika. Jankowitsch war der erste Botschafter in Schwarzafrika, in Dakar. Und das war aber schon schwierig, da musste man angeblich Kreisky schon von der Spiritualität des Herrn Léopold Sédar Senghor und von der Bedeutung des Senegal im westafrikanischen Bereich überzeugen. Mit Südafrika hat er eigentlich wenig am Hut gehabt, ich weiß nicht wann er das erste Mal aktiv für Mandela eingetreten wäre. Der erste afrikanische Präsident in Wien war dann der Julius Kambarage Nyerere 1980. Und das war eigentlich auch wieder nur im Zusammenhang mit Infrastrukturentwicklung, das ist zwar nicht im Vordergrund gestanden, aber das hat ihn interessiert. Nyerere hat ihm damals von einem Projekt erzählt, wo mit einer Eisenbahnverbindung anschließend an die bestehenden Eisenbahnen in Uganda und in Tansania am Victoriasee/Mwanza quasi der Bogen geschlossen werden sollte über Ruanda und Burundi, das sogenannte Kagera-Projekt. Das ist natürlich interessant, aber Ruanda und Burundi sind sehr gebirgige Länder und für einen Eisenbahnbau nicht gerade einladend. Aber Kreisky hat es irgendwie gefallen und er hat in seiner Rede versprochen, dass sich Österreich da einsetzen wird. Und da haben wir dann bei den Projekten 2 Jahre lang ein relativ großes Kagera-Basin-Development-Projekt gehabt, mit einer Studie mit UNDP zusammen über Eisenbahnentwicklung, es hat sich aber gezeigt, dass das nur ein Wunschtraum ist.
- Esther Anatone
Obwohl doch, also ich hätte jetzt gedacht in Bezug auf bergig und dass man da doch in Österreich… das ist nicht so fern liegend eigentlich.
- Ulrich Stacher
Das war ja auch der Anlass, Nyerere war gut vorbereitet, der hat das alles sehr schön gebracht, alle diese Dinge, die für uns sprechen, hat er gut vorbereitet gebracht. Der damalige Botschafter war nicht so begeistert, weil der hat von Tansania nicht viel gehalten. Das Außenamt war eigentlich eher dagegen, weil sie den Eindruck hatten, dass uns das außenpolitisch nicht viel bringt, Ruanda, Burundi ist nicht interessant, was außenpolitisch und wirtschaftlich nicht von der Hand zu weisen ist. Das Projekt hat sich dann als nicht finanzierbar herausgestellt und ist halt wie viele andere ad acta gelegt worden. Aber das war wenigstens ein direkter Bezug, den Kreisky über Nyerere dazu hatte.
- Esther Anatone
Aber glauben Sie, dass es da eben einerseits,… es gibt die Entwicklungspolitik und dann Außenpolitik, dass sich da Kreisky in diese Richtung Außenpolitik mehr fokussiert hat oder ist es auch oder vielleicht zusätzlich ein geographischer Faktor noch dadurch, dass Kreisky doch so bekannt ist für seinen Nahost-Fokus und…
- Ulrich Stacher
Ja, das war sein Schwergewicht, das hat ihn interessiert und das war nicht entwicklungspolitisch, sondern regionalpolitisch.
- Esther Anatone
Und da haben dann auch eben… also Willy Brandt oder Olof Palme, in dem Zusammenhang hat er quasi an die dann eher den globalen Süden abgegeben im Gegenzug.
- Ulrich Stacher
Die haben ihn schon gehabt.
- Esther Anatone
Ja.
- Ulrich Stacher
Also Palme und die Skandinavier waren ja schon dick drinnen, vor allem in Ostafrika. Und die Deutschen eigentlich auch, verteilt in ganz Afrika. Ich kann also jetzt nur den Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen Heinz Kühn erwähnen, der hat uns einmal in Tansania in Dar es Salaam erklärt, warum die Deutschen so in Afrika drin sind. Weil sie das als eine notwendige Aktion im Rahmen des Kalten Krieges sehen, im West-Ost-Konflikt, damit Afrika nicht völlig in die Hand der sowjetischen Interessen fällt. An diesem Konflikt haben wir wie nie teilgenommen, das war für uns kein Thema. Für die Deutschen schon, für die Skandinavier auch nicht so. Ich glaube, die Skandinavier waren relativ offen für entwicklungspolitische Anliegen, wobei natürlich bei den 50 Mitarbeitern der skandinavischen Staaten in Kenia wir immer gelacht haben, vormittags bis 15 Uhr gehen sie als Genossenschaftsexperten der Regierung und ab 17 Uhr als Vertreter von Alfa Laval und Agrarinvestitionen. Es war natürlich immer die Gefahr, dass man von irgendwelchen wirtschaftlichen Interessen instrumentalisiert werden kann.
- Maria Wirth
Darf ich noch eine Zwischenfrage stellen: Wie sehen Sie in dem Kontext die Gründung des Wiener Instituts in den 1960er Jahren?
- Ulrich Stacher
Das Wiener Institut war für Kreisky eine Möglichkeit in die Entwicklungsländerforschung, -politik mittelbar einzugreifen oder halt mittelbar daran teilzunehmen. Das Wiener Institut hat entwicklungspolitisch keine Bedeutung gehabt, allerdings eine gewisse Bedeutung im Zusammenbringen von Führungskräften, wobei die Afrikaner eher zu kurz kamen und die Asiaten sowieso zu kurz gekommen sind. Also es war eher ein europäisches Diskussionsforum mit internationalen Organisationen, wirklich Gewicht hat es nie gehabt. Leider, wobei es ein Fehler war, dass man es besonders finanziert hat. Andere Institute, wie zum Beispiel das WIFO oder das Wiener Institut für internationale Wirtschaftsvergleiche haben alle Subventionen direkt vom Finanzministerium bekommen. Das Wiener Institut war insofern benachteiligt, weil es als Projekt der Entwicklungshilfe finanziert werden sollte und musste. Und damit sind sie genau den Verpflichtungen unterlegen, die andere auch gehabt haben: Programm, Abrechnung, Mittelverwendung und das war für den Arne Haselbach natürlich kaum erträglich. Und wie es dann wirklich zum Knatsch gekommen ist und die Sachbearbeiterin bis zu Kreisky ging und gesagt hat, so geht es nicht, hat Kreisky gesagt, die Entwicklungshilfe hat recht und Haselbach ist mehr oder weniger allein dagestanden. Wobei ich sagen muss, bis zu einem gewissen Grad unschuldig, das war von der Finanzierung her eine Fehlgeburt. Von der Wirkung her, im Nachhinein kann man sagen, hätte es das nicht gegeben, wäre nichts anders verlaufen, am Anfang ist natürlich die Friedrich-Ebert-Stiftung dahinter gestanden.
- Esther Anatone
Ja, vielleicht können wir dann zu dem Themenbereich übergehen, wenn wir jetzt schon Potenziale oder eben nicht von Entwicklungspolitik diskutieren. Inwiefern, denken Sie, hat sich Ihr Verständnis von Entwicklung über die Jahrzehnte geändert, wie bewerten Sie die Entwicklungen im Zusammenspiel von Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Entwicklungszusammenarbeit?
- Ulrich Stacher
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Die Entwicklungspolitik ist, fangen wir einmal bei der Wissenschaft an, schon sehr wichtig, weil sie eben zeigt, wie verschiedene Einflüsse die Entwicklung von Regionen oder Staaten letztlich beeinflussen oder bestimmen. Dass das wissenschaftlich noch immer ein bisschen ein offenes Thema ist, ist die Situation. Wirtschaftlich, glaube ich, hat man viel dazugelernt. Früher hat man gedacht, das ist so hit-and-run. Ich gehe hin, baue meine Fabrik dorthin, verdiene viel Geld und laufe davon, mit dem Geld. Und das ist Schuld an vielen Fehlentwicklungen und an vielen Mittelvergeudungen. Also die österreichische Industrie dazu zu bringen, dass man nicht nur liefert, bis Übergabe und erster Inbetriebnahme, sondern dass man sagt, ihr müsst mindestens 10 Jahre garantiert Ersatzteile liefern, oder 5 Jahre Ausbildungsgarantie bieten. Also das waren immer unmögliche Forderungen, dass man so was verlangen könnte und so hat es auch ausgeschaut. Die wenigen Firmen, die mit Projekten in Betrieb gegangen sind, haben zwangsweise gelernt, dass sie sich sehr wohl langfristig engagieren müssen. Und so traurig es klingt, aber das sind die Betriebe, die wir als Sanktionenbrecher in Südafrika oder in Rhodesien aufgebaut haben, die funktionieren. Warum? Weil dort ein starker Partner war, der gesagt hat, ihr könnt uns das liefern, aber wir wollen das Management für 5 Jahre haben, wir wollen Ausbildung haben, wir wollen garantiert Ersatzteile haben und Reparaturdienste. Das Stahlwerk in Rhodesien, RISCO genannt seinerzeit, unter Blockadebrechung erbaut, mit gefälschten Exportpapieren. Heute heißt es ZISCO, die Simbabwer haben uns nach der Unabhängigkeit gesagt, sie sind dankbar, dass das gebaut wurde, weil jetzt haben sie ein Stahlwerk und sind also als unabhängiger Staat besser dran als andere, die kein Stahlwerk haben.
Auch in Südafrika sind Stahlwerke, die gut funktionieren, die Lieferungen waren aber seinerzeit auch Sanktionsbrecher. Hingegen die Lieferungen, die unter normalen Umständen quasi passiert sind, sind großteils ein Flop. Nach Marokko wurden einmal Fahrgestelle geliefert, im militärischen Bereich nennt man so etwas Lafetten. In der österreichischen Export-Statistik waren es landwirtschaftliche Zugmaschinen. In Wirklichkeit war es die Basis der Panzer, auf die nur die französischen Geschütze drauf montiert wurden in Marokko. Wir haben die Geschütze nicht geliefert, daher war es kein militärisches Gut, das war unsere Logik. Die Exporte von Waffen nach Chile unter Augusto Pinochet konnte verhindert werden, da sind viele protestierend auf der Straße gestanden.
- Esther Anatone
Die eben nicht Panzer-, wenn man es so nennen will, Lieferung nach Marokko, das war im Zusammenhang mit dem Westsahara-?
- Ulrich Stacher
Nein
- Esther Anatone
Nein?
- Ulrich Stacher
Da war die Westsahara noch spanisch, die Westsahara ist erst 1976 glaube ich quasi unabhängig geworden. Die Sahrauis haben dann österreichische Schützenpanzer erobert, Saurer-Panzer, die kann man besichtigen im Sahrauis-Gebiet.
- Esther Anatone
Ja, bevor wir zum Abschluss kommen, hätten wir noch einen kleinen Fragenblock zu Ihrer Aktivität in der OECD, wo Sie in Paris waren. Vielleicht können Sie darauf auch kurz eingehen, welche Themen standen da im Vordergrund, was war da Ihre Rolle, die Rolle Österreichs und auch die Bedeutung für die Koordination internationaler Entwicklungs- und Wirtschaftspolitik?
- Ulrich Stacher
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Als Botschafter ist man ja ein Kräutl auf allen Suppen, sozusagen, weil die Ministerien ja bei der OECD ihre Angelegenheiten selbst vertreten. Und das Bundeskanzleramt mit der Abteilung OECD und die OECD-Botschaft koordinieren diese Dinge nur oder sollen nur koordinieren und aufpassen, dass nicht im einen Komitee das eine gesagt wird und im anderen das andere. Und dann gibt es das Entwicklungshilfekomitee DAC, Development Assistance Committee, da werden die Leistungen gemeldet und die Vorhaben also auch gemeldet und besprochen, aber das DAC ist letztlich inhaltlich nebulos, man kann es vergessen eigentlich. Das ist ein statistisches Amt, da wird nur zusammengezählt und zugeteilt. Dann gibt es daneben das Entwicklungszentrum, das wurde seinerzeit einmal gegründet, um eben auch inhaltliche Arbeiten bei der OECD durchführen zu können, zu begutachten, vielleicht sogar zu koordinieren. Das ist von den Mitgliedern nie wirklich als Koordinationsorgan akzeptiert worden. Österreich hat eine Zeit lang überlegt, ob man nicht überhaupt austreten soll, weil kein sichtbarer Nutzen erkennbar war aus der Mitgliedschaft. Und in meiner Zeit gab es dann eine entscheidende Phase, wo es geheißen hat, wir lassen das überhaupt auf in der OECD, oder es finden sich genug Länder, die das weiterhin haben wollen unter einem neuen Vorsitz, weil der alte Vorsitz war auch nicht ideal. Also hat man gesagt, gut, wir probieren es noch einmal. Solange ich dort war, kann ich nicht sagen, dass dieses "Wir probieren es noch einmal" von Erfolg gekrönt worden wäre. Ich weiß nicht, ob es das heute überhaupt noch gibt, aber die Entwicklungspolitik ist kein Ruhmesblatt für die OECD.
Ganz am Anfang hat man das ein bisschen ernster genommen, weil man davon ausging, dass man eine europäische abgestimmte Politik gegenüber den ehemaligen Kolonialgebieten zusammenbringt. Da ist aber dann die EU dazwischen gekommen mit eigener Entwicklungspolitik, die viel, viel stärker und viel manifester ist und die hat das Thema dann bei der OECD mehr oder weniger aufs Abstellgleis bugsiert, entwicklungspolitisch ist die OECD kein Thema gewesen, aber vielleicht dort, wo es um Handelspolitik geht, wo es um Meistbegünstigung geht, wo es um Importe aus Entwicklungsländern, wo sich die Österreicher aber immer quer gelegt haben, um z. B. die eigenen Agrarprodukte zu schützen. Die Weintrauben, Orangen und Zitronen aus Österreich sind ja besonders schützenswert, weil wir offenbar so viel davon produzieren. Und dann musste man auch beim Handel Meistbegünstigungsklauseln diskutieren, die Österreicher haben bei Handwerksprodukten zugestimmt, bei sonst nichts. Oder bei den geförderten Exportkrediten hat Österreich immer gefordert, dass man möglichst viele als Entwicklungshilfe anerkennen kann, da kommen dann wirklich die simplen nationalen Interessen immer zum Durchbruch. Und da muss man halt aufpassen bei der Handelspolitik oder bei der Kreditpolitik in den einzelnen Komitees, wo die Fachministerien vertreten sind, dass die nicht Interessen, die wiederum in anderen Komitees vertreten werden, zuwiderlaufen.
- Esther Anatone
Ja, damit sind wir beim letzten Punkt angelangt, bei der informellen Diplomatie, was eigentlich auch ein sehr wichtiger Punkt ist. Und wenn wir jetzt quasi noch einmal reflektieren, einerseits auch in Afrika Ihre Arbeit, aber natürlich auch Ihre Position in Österreich, welche Personen, Akteur:innen, Netzwerke spielten da eine große Rolle, auch eben abseits von offiziellen diplomatischen, politischen, auch Anlässen, Personen?
- Ulrich Stacher
Sagen Sie mir nur kurz, was Sie unter informeller Diplomatie verstehen.
- Esther Anatone
Es geht uns vor allem auch da um einerseits eben Personen, die jetzt eben nicht Botschafter, Diplomaten sind, sondern zum Beispiel eben Künstler:innen, Wissenschaftler, Journalisten spielen in manchen Fällen eine große Rolle, eben um einzelne Netzwerke aufzubauen, um….
- Ulrich Stacher
Also außerhalb des Offiziellen?
- Esther Anatone
Genau außerhalb von eben auch offizielle Veranstaltungen, dass es eben inoffizielle, vielleicht davor oder danach andere Zusammentreffen gibt, auch vielleicht spezielle Orte oder Kanäle, über die man das abwickelt.
- Ulrich Stacher
Ja, informelle, wenn ich jetzt sage z.B. SOS Kinderdorf, dann ist das ein gefährliches Thema. Aber die haben natürlich schon versucht, in vielen Ländern Fuß zu fassen. Schon damals wusste man, dass nicht alles richtig ist, was man den Entwicklungsländern in die Schuhe geschoben hat. Oder die Missionen, die entwicklungspolitisch natürlich als Anfangsinstitution schon eine gewisse Rolle gespielt haben. Die ersten Entwicklungshelfer waren ja Missionshelfer letztlich und haben halt auf relativ einfache Weise versucht, handwerklich oder auch basismedizinisch, basisschulisch, halbwegs Sinnvolles zu erledigen. Das hat lange geklappt, bis halt dann aus Nachwuchsmangel die Missionen eingegangen sind, das gibt es ja auch kaum mehr.
- Esther Anatone
Andere NGOs auch noch oder sie haben auch viel mit Gewerkschaften so zusammen?
- Ulrich Stacher
Die Gewerkschaften, also die österreichische Gewerkschaft, war entwicklungspolitisch extrem schwach interessiert. Also da war der einzige Friedrich Verzetnitsch im Jugendrat für Entwicklungshilfe gewerkschaftlich organisiert und ich muss sagen, glaubwürdig und ernsthaft.
- Maria Wirth
Auf kulturellem Gebiet wäre Hubert von Goisern zu nennen.
- Ulrich Stacher
Im außenpolitischen Bericht irgendwann in den 1980er Jahren steht geschrieben, ein Kulturaustausch mit Afrika ist nicht möglich, weil die Äquivalenz fehlt, das heißt, man hat den Afrikanern Kulturlosigkeit unterstellt. Ich habe den Verfasser darauf angesprochen und da hat er dann gemeint, so sollte man das nicht verstehen, im nächsten Bericht würde er das dann nicht mehr so schreiben. Gut, aber das war schon einmal ein deutlicher Hinweis auf unsere Haltung, wobei es ja durchaus österreichische Wissenschaftler gegeben hat, die in Afrika gearbeitet haben, wie z.B. Wenger in Nigeria, die jahrzehntelang in Nigeria gelebt hat und sich mit der Kultur dort intensiv auseinander setzte.
- Maria Wirth
Im Bereich der Industriewirtschaft muss man die VÖEST nennen? Ist die in vielen Ländern aktiv?
- Ulrich Stacher
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Die VÖEST war in einigen Ländern aktiv, z. B. in Kamerun mit dem Zellstoffwerk EDEA, leider ein totaler Flop. In Südafrika, Rhodesien Indien hingegen erfolgreich. In Westafrika war Steyr in Nigeria mit einer Lastwagenproduktion und VOEST/Austroplan mit Krankenhäusern ursprünglich, glaube ich, durchaus erfolgreich. Dann gab es Viehexporte von Austrovieh nach Algerien, Tunesien, Marokko, Ägypten. Das waren eher kleine Sachen, die kaum nationale Bedeutung hatten. Die Verbund hat Planungen gemacht in Ägypten für ein Pumpspeicherkraftwerk, in Ain Sukhna, das gedacht war, um das Atomkraftwerk, das geplant war, mit Strom zu versorgen. Ein Atomkraftwerk braucht permanent sicheren Strom und ein Pumpspeicherwerk hat den Vorteil, dass es auch in Perioden, wo eben zu wenig vorhanden ist, durch Ablassen des Speichersees Strom bringt. Sie haben auch in Nepal ein Projekt gehabt, Namche Bazar, Stromversorgung, das am Ende dann geklappt hat. Es war aber sehr schwierig, wegen Fehlplanungen und Fehleinschätzungen, Fehleinschätzungen waren sehr häufig der Fall bei der österreichischen Industrie, weil sie es nicht ordentlich erhoben haben. Die haben einfach irgendwo gelesen, da soll irgendwas passieren und schon waren sie da. Das war dasselbe mit dem Mangan in Burkina Faso, wo sich Kreisky engagieren wollte. Da hat die Verstaatlichte gesagt, Mangan kann man immer brauchen in der Stahlproduktion und so weiter.
Dann gab es ein Bauxitbergwerk in Marampa, Sierra Leone, das wurde ein paar Jahre lang betrieben, es ist aber auch nichts geworden daraus, nichts Gescheites. Also, die Verstaatliche hat sich nicht wirklich Ruhmesblätter erwirtschaftet, mit Ausnahme eben als Blockadebrecher, das sind die Projekte die halten.
- Esther Anatone
Gut, wir sind damit quasi am Ende unseres Fragebogens angelangt. Haben wir irgendwas vergessen, möchten Sie noch etwas ergänzen?
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