Interview mit Karl Blecha am 24.11.2025


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Karl Blecha und Bruno Kreisky

Karl Blecha und Bruno Kreisky

Esther Anatone

Ja, sehr geehrter Herr Blecha, es freut uns sehr, dass Sie das Interview mit uns heute machen. Wir würden heute gerne mit Ihnen über folgende Bereiche sprechen, damit ich die kurz zusammenfasse: Ihr Engagement in Algerien, Ihr Interesse für den arabischen Raum, Kreiskys Außenpolitik, vor allem die Nahostpolitik, seine Tätigkeit in der Sozialistischen Internationale und auch die innerparteilichen Positionen, öffentliche Meinungen zur Außenpolitik Kreiskys.

Esther Anatone

Beginnen möchte ich mit dem Themenbereich Algerien. Wenn man Ihre Biographie betrachtet, sieht man nicht nur, dass Sie sich schon sehr früh mit der SPÖ auseinandersetzen, sondern dass Sie sich auch sehr früh fürs Ausland interessieren und wichtige Veränderungen im Ausland mitverfolgen und eben bereits als junger Studentenvertreter nach Algerien gegangen sind, um dort die Freiheitsbewegung zu unterstützen. Können Sie uns kurz erzählen, oder auch nicht kurz, wie es dazu kam?

Esther Anatone

Wie kam es zu Ihrem Engagement für Algerien?

Karl Blecha

Ja, es hat sich automatisch ergeben, weil ich ein besonderes Interesse an den Entwicklungen in der Dritten Welt hatte, die ja für die Sozialdemokraten eine ganz besondere Gegend war.

Karl Blecha

Die haben sich mehr als die Anhänger anderer politischer Richtungen mit der Entwicklung in diesen Ländern befasst, weil sie letzt [lich ] auch davon ausgegangen sind, selbst einen bestimmten Beitrag zur Entwicklung in den Ländern leisten zu können. Und Algerien war ein bestimmtes Beispiel dafür.

Esther Anatone

Was haben Sie denn dort gemacht in Algerien?

Karl Blecha

Na ja, mit den entsprechend wichtigen Entscheidungsträgern Gespräche geführt, sehr viel beobachtet, sehr viel in den verschiedenen Städten, vorhandenen Niederlassungen konkret gesprochen. Also, es war ein sehr umfangreiches Programm, das ich bei mehreren Reisen nach Algerien gehabt habe.

Esther Anatone

Wie lange waren Ihre Aufenthalte dort?

Karl Blecha

Na ja, normalerweise waren sie ganz kurz. Sie sind ja sozusagen von Wien aus organisiert worden. Man ist abgeholt worden, man hatte so ein bestimmtes Programm mit mir vorgehabt. Das war der normale Vorgang. Aber dann hab ich ja zwei längere Aufenthalte, die viele Wochen umfasst haben, gehabt.

Esther Anatone

Sie sagen, Sie sind abgeholt worden, das war organisiert, wer war denn noch dabei? Waren Sie der Einzige aus den sozialistischen Kreisen? [Gab es ] andere Österreicher, die dabei waren, die Junge SPÖ, wer war noch involviert?

Karl Blecha

Ja, es hat sehr viele in der Jungen SPÖ gegeben, die an den Entwicklungen in der Dritten Welt interessiert waren. Und wenn Sie gehört haben, dass ich eine Reise zum Beispiel nach Algerien organisiere, dann gefragt, ob sie mitfahren dürfen.

Esther Anatone

Das heißt: Allgemein gab es Interesse. Und wie war sonst die Reaktion auf Ihre Reisen, von Österreich generell und Algerien? Verständnis, Interesse? Skepsis?

Karl Blecha

Ja, das Interesse hat sich auf Personen bezogen. Ein Interesse der österreichischen Allgemeinheit hat nicht existiert, aber es hat einzelne Persönlichkeiten gegeben, vor allem in der Jugendbewegung, die sich ja stärker als die Erwachsenen um die Entwicklungen in den Ländern der Dritten Welt bemüht hat. Da hat es viele Gespräche gegeben.

Esther Anatone

Welche jungen SPÖler waren da Ihre Verbündeten? Wer war noch involviert?

Karl Blecha

Ja, alle, die damals eine bestimmte Rolle gespielt haben. Aber Sie überfallen mich jetzt. Ich müsste etwas länger nachdenken. Wer waren eigentlich [die, ] die mit mir am engsten mit Algerien verbunden [waren ] und sich bemüht haben, bestimmte Einzelheiten festzustellen, die man dann für bestimmte politische Aktionen nutzen konnte? Jetzt müsste ich ein bisschen länger nachdenken. Es waren ja einige.

Esther Anatone

Ja, wir haben in dem Buch „Charly“, in Ihrer Biografie, auch gelesen, dass Sie sich engagiert haben, dass Fremdenlegionäre sich ergeben und dann die Heimkehr der österreichischen Fremdenlegionäre forciert haben. Und da hat Ihnen Kreisky, als Außenminister damals, auch geholfen? Oder mit wem haben Sie zusammengearbeitet? Können Sie da etwas Genaueres dazu sagen?

Karl Blecha

Ja, das war ein bestimmtes Tätigkeitsfeld, das ich mir selber ausgesucht habe und [das ] mich sehr lange beschäftigt hat. Das heißt also festzustellen, Daten von österreichischen Fremdenlegionären zu erfassen und dann Kontakte zu denen zu knüpfen, um sehr viel Informationen zu erhalten, um ihnen zu helfen bei dem Wiedereinstieg in ein normales Leben in Österreich.

Esther Anatone

War das auch Ihr erster Kontakt zu Kreisky oder war das schon früher?

Karl Blecha

Nein, mit Kreisky bin ich [in ] jungen Jahren eng verbunden worden.

Esther Anatone

Wo haben Sie ihn das erste Mal kennengelernt?

Karl Blecha

Na ja, bei verschiedenen Gelegenheiten. Also, ich habe ja zu dem engeren Kreis des Bruno Kreisky gehört, der sozusagen fast ein Mitglied seiner Familie war.

Esther Anatone

Das heißt, Ihre Beziehung hat sich beruflich und auch privat sehr intensiviert. Wie würden Sie diese Beziehung beschreiben? In welchen Bereichen hatten Sie sehr viel zu tun, vor allem außenpolitisch, oder nicht nur?

Karl Blecha

Na, politisch im besten Sinn, weil wir ja gemeinsam sehr viel die österreichische Innenpolitik besprochen haben und Möglichkeiten von Einflussnahmen sehr, sehr genau erörtert haben.

Esther Anatone

Und außenpolitische Themen, kamen die dann erst ein bisschen später, oder?

Karl Blecha

Nein

Esther Anatone

Kontakt zu denen?

Karl Blecha

Nein, das war von Anfang an da, weil ich ja ein besonderes Interesse an außenpolitischen Fragen hatte.

Esther Anatone

Gibt es für, wenn ich jetzt überleite [zur ] Außenpolitik, Nahost, für dieses Interesse, das Sie eben für die Außenpolitik und vor allem eben für den arabischen Raum haben, gibt es da einen Auslöser, oder woher kam dieses Interesse von Ihrer Seite?

Karl Blecha

Ja, das Interesse war von Anfang an als Schüler gegeben, der sich für den arabischen Raum interessiert hat. Also, ich habe schon als 14-, 15-Jähriger sehr, sehr viel mich bemüht, Kontakte zu jungen Menschen aus diesen Ländern zu bekommen, sie zu pflegen, sie zu organisieren, zu nützen.

Esther Anatone

Sie haben auch Kontakt zu Jassir Arafat gehabt und ihn relativ gut gekannt. Können Sie uns berichten, wie Sie sich kennengelernt haben und wie sich diese Beziehung entwickelt hat?

Karl Blecha

Na, da müsste ich mal genauer nachdenken, wie das [… ], denn mit Arafat hat mich eine lange Freundschaft verbunden, die ihren Ursprung in der Zeit hatte, als ich noch Schüler war.

Esther Anatone

Das hat schon so früh begonnen?

Karl Blecha

Ja, da war ich 16, hab ich mit Arafat Kontakte gehabt.

Esther Anatone

An welche Begegnungen können Sie sich erinnern, die Sie gehabt haben? Zum Beispiel war ja Arafat im Juli 1979 in Wien. Waren Sie da dabei?

Karl Blecha

Soweit ich mich erinnern kann, war ich dabei. Ich kann mich noch erinnern, dass er in Wien war und dass er da bestimmte Fragen gerichtet hat, Personen der österreichischen Politik betreffend.

Esther Anatone

Neben Personen, [die ] österreichische Politik betreffend, vielleicht können Sie für uns kurz beschreiben, wie das Verhältnis von Kreisky und Arafat war, aus Ihren Augen?

Karl Blecha

Der hat sich interessiert. Kreisky hat sich für alle Persönlichkeiten, die im Mittleren Osten eine Rolle gespielt haben, interessiert, weil das sein Steckenpferd war, die Entwicklungen im Mittleren Osten genauer zu verfolgen, und wo es gut geht, Hilfestellungen zu leisten. Also, das war sein Lebenselixier.

Esther Anatone

Er hat sich ja auch darum bemüht, dass Arafat erst ein wichtiger Akteur auch für andere geworden ist.

Karl Blecha

Ja, für die anderen europäischen Politiker.

Esther Anatone

In dem Zusammenhang: Was waren Kreiskys Ziele in der Nahost Politik und auf Arafat bezogen: Dass Arafat ein wichtiger Akteur wird, mit dem man auf Augenhöhe sprechen kann?

Karl Blecha

Na, das war auf jeden Fall die Grundlage der vielen Gespräche, dass er sich bemüht hat, in Arafat einen Gesprächspartner zu finden, der volle Unterstützung für seine Anliegen bekommen soll und der aufgrund seiner Kenntnisse und seiner sehr, sehr vielen Ideen, die er da entwickelt hat – in den Gesprächen, die man mit ihm geführt hat, war er sehr ideenreich –, Unterstützung anzubieten.

Esther Anatone

Auf welche gemeinsamen Ziele oder Ergebnisse haben Sie hingearbeitet?

Karl Blecha

Na ja, es ging darum, dass wir die wichtigen Vertreter der Bewegungen in der Dritten Welt, wie man es so schön bezeichnet hat, unterstützen wollte und zwar so, dass es also von den anderen in Österreich bemerkt wird und die auch dazu animiert, Unterstützungsleistungen zu leisten.

Esther Anatone

Welche Rolle, würden Sie sagen, spielten die Vereinten Nationen in der Außenpolitik und der Nahostpolitik Kreiskys? Waren die ein wichtiger Player, ein wichtiges Forum?

Karl Blecha

Ja, sicher, weil er ja ein Außenpolitiker par excellence war, und daher war es ganz klar, dass eine international aktiv tätige politische Bewegung und Organisation von ihm ständig beachtet wurde und gepflegt wurde, die Kontakte.

Esther Anatone

Neben den Vereinten Nationen spielt im Kontext der Nahostpolitik Kreiskys auch die Sozialistische Internationale eine wichtige Rolle. Ja, wie würden Sie die Rolle bewerten, die die SI gehabt hat?

Karl Blecha

Für die SI war der nordafrikanische Raum keine Herzensangelegenheit, aber er ist sehr beachtet worden. Und durch das Vorhandensein einiger besonderer Interessenten, zu denen zum Beispiel ich gehört habe, ist immer wieder über die Entwicklungen in diesem Raum berichtet und sehr, sehr ausführlich befundet worden.

Esther Anatone

Wie wurde das Engagement in der SI gesehen? Dass sich Kreisky sehr, und auch Sie sich, auf Nahost und Nordafrika fokussiert haben? Gab es da wichtige Verbündete? Also wir denken einerseits an Palme und Brandt, die haben sich das ja auch aufgeteilt, und Kreisky war der Nahost-Spezialist von ihnen. Oder gab es auch vor allem im Kontext der Nahost-Politik Kritiker an Kreiskys Politik?

Karl Blecha

Ist mir nicht bekannt, aber [ein ] geringes Interesse gab es bei sehr vielen der führenden Persönlichkeiten an den Vorgängen im Nahen Osten.

Esther Anatone

Ich würd [e ] jetzt geographisch in diesem Raum bleiben und kurz die Gesellschaft für Österreichisch-Arabische Beziehungen thematisieren, weil Sie waren ja auch nach der Ära Kreisky weiterhin intensiv mit diesen arabisch-österreichischen Beziehungen beschäftigt und Präsident dieser Gesellschaft für österreichisch-arabische Beziehungen. Ab wann waren Sie denn da aktiv und welche Ziele haben Sie verfolgt?

Karl Blecha

Na ja, ab wann das genau war, kann ich jetzt nicht sagen, aber es war …

Esther Anatone

Von Anfang an?

Karl Blecha

Ja, es war von Anfang an, und die Ziele waren ziemlich klar. Das neutrale Österreich, das eine besondere Rolle in der europäischen Politik gespielt hat, hat meiner Ansicht nach die Verpflichtung gehabt, sich um diesen Raum mehr zu kümmern, der von den meisten Europäern nicht als eine Herzensangelegenheit betrachtet worden ist. Also, er ist dafür, dass Europa an diesen Raum grenzt, meiner Ansicht nach, etwas zu wenig von den führenden europäischen Politikern beachtet worden.

Esther Anatone

Und dafür hat sich auch diese Gesellschaft eingesetzt? Wie war, oder welche Bedeutung hatte sie für die Politikgestaltung? Konnten Sie da explizit Einfluss auf die SPÖ und die Politik nehmen dadurch?

Karl Blecha

Na ja, in der Weise, dass die SPÖ, wenn Nahostfragen zur Diskussion gestellt worden sind, man einfach auf mich und meine Mitarbeiter zurückgegriffen hat.

Esther Anatone

Wenn wir weiter bei der Nahostpolitik bleiben: Worum man auch nicht herumkommt, ist ja, dass Kreisky auch als Bundeskanzler die Außenpolitik in seine eigene Hand genommen hat und vor allem die Nahostpolitik als sein Revier gesehen hat. Wie würden Sie Kreisky beschreiben? War er wirklich so ein Monopolist in der Außenpolitik, und hat vieles alleine gestaltet. Wieviel haben Sie mit ihm gestaltet zur Nahostpolitik?

Karl Blecha

Nein, ich kann nicht sagen, ich habe was mitgestaltet. Ich habe einfach miterlebt sein Engagement in der Nahostpolitik, weil ich eben einer seiner engeren Mitarbeiter war.

Esther Anatone

Das heißt, da waren Sie trotzdem in Austausch und...

Karl Blecha

Ja.

Esther Anatone

Also Mitsprache, in Diskussion...

Karl Blecha

Und [ich ] wurde natürlich auch von den Gesprächspartnern im Nahen Osten sehr oft benützt, die den Kreisky nicht gleich erreichen, und dann also versucht haben, wenn sie was von Österreich und österreichischer Politik [etwas ] haben wollten, mich zu kontaktieren.

Esther Anatone

Wer waren denn diese wichtigen Gesprächspartner? Können Sie sich an einzelne Personen erinnern, die wichtig waren?

Karl Blecha

Na ja, schon noch erinnern, aber es waren eigentlich alle führenden Politiker in den europanahen Ländern irgendwann einmal von unseren Aktivitäten berührt worden.

Esther Anatone

Das heißt, nicht nur Politiker im Nahen Osten, sondern auch innerhalb von Europa. Hatten Sie da ein großes Netzwerk?

Karl Blecha

Ja, ein gutes Netzwerk würde ich nicht sagen, aber ein Netzwerk.

Esther Anatone

Gab es denn in Europa und natürlich auch im Nahen Osten oder eben auch in Österreich wichtige Orte oder Foren, vielleicht abseits der öffentlichen Kanäle, wo Kreisky seine Außenpolitik gestaltet hat? Wir denken an die wichtige Rolle, die die Armbrustergasse zum Beispiel gespielt hat, dass Kreisky viele Personen eingeladen hat, oder eben auch Mallorca. Gibt es solche? Fallen Ihnen noch Orte oder Foren ein in diesem Zusammenhang, in der Nahostpolitik?

Karl Blecha

Ja gut, ganz besonders bedeutend war, wie Sie jetzt schon angeführt haben, das Haus Kreisky selbst. Das war ja ein Mekka der Interessenten aus allen europäischen Ländern. Man ist nach Wien gefahren, um den Kreisky oder einen seiner Mitarbeiter kontaktieren zu können. Das war eine besondere Rolle, die das Haus gespielt hat.

Esther Anatone

Das heißt: Hat er seine Türen in der Armbrustergasse vielen geöffnet, allen geöffneten? Da gab es …

Karl Blecha

Ob sie allen geöffnet waren, weiß ich nicht. Jetzt, wo Sie das direkt ansprechen, müsste ich näher nachdenken. Ich glaube nicht, aber alles, was sich mit Nahostpolitik beschäftigt hat, zweifellos einen festen Platz in der Armbrustergasse gehabt hat.

Esther Anatone

Gut. Unser nächster Themenbereich, wenn wir geografisch Nahost verlassen, ist Kreiskys Außenpolitik, die Rezeption in der SPÖ und in der Öffentlichkeit. Sie kommen ja aus dem Bereich der Sozialforschung und haben sich als Zentralsekretär und Wahlkampfleiter der SPÖ immer auch damit beschäftigt oder beschäftigen müssen, wie die Politik der SPÖ in- und außerhalb der SPÖ rezipiert wurde.

Esther Anatone

Vielleicht können wir das zum Anlass nehmen, um darüber zu sprechen, wie Kreiskys Außenpolitik in der SPÖ gesehen wurde. Gab es Bereiche, vielleicht doch noch mal rückblickend auf den Nahen Osten, die auch kritisch gesehen wurden, konfliktbehaftet waren?

Karl Blecha

Dass bestimmte Dinge kritisch gesehen worden sind, ist mir nicht aufgefallen. Man hat es einfach akzeptiert, dass er da halt ein bestimmtes Tätigkeitsfeld hat, wo ihm niemand hineinreden kann, weil er zu viel weiß darüber.

Esther Anatone

Das heißt, das Engagement im Nahen Osten wurde toleriert, wie Sie sagen…

Karl Blecha

…und akzeptiert.

Esther Anatone

Inwiefern, wenn Sie sagen „akzeptiert“, hat sich die Partei in die Außenpolitik eingemischt oder dafür interessiert? Oder war die Partei mehr in der Innenpolitik relevant?

Karl Blecha

Ja, die war selbstverständlich konzentriert auf alle innenpolitischen Vorgänge und Ereignisse. Die Außenpolitik hat eine weniger bedeutende Rolle in der Politik der Partei gespielt.

Esther Anatone

Das heißt, da hat man Kreisky freie Hand gelassen?

Karl Blecha

Man war davon überzeugt. Da gibt es einen Bruno Kreisky, der kümmert sich um alles, was sich im Mittleren Osten tut, und der weiß auch das alles, was da für Bewegungen vorhanden sind und welche Persönlichkeiten in diesem Raum eine Rolle spielen, und da reden wir gar nicht rein und mischen uns nicht ein, weil das ist einfach erster Güte.

Esther Anatone

Wenn man jetzt aus der Partei rausgeht, wo vielleicht noch mehr Personen sind, die noch weniger Kontakt oder Berührung zur Außenpolitik und eben zum Nahost haben: Wie würden Sie sagen ist Kreiskys Politik von den Wählern und Wählerinnen gesehen worden? Gibt es da spezifische Untersuchungen?

Karl Blecha

Untersuchungen sind mir nicht bekannt, aber das besondere Engagement des Bruno Kreisky für die Politik dieses Bereichs, also, der ein außenpolitischer ist, war gegeben, weil man sich für alles interessiert hat, was den Kreisky interessiert.

Esther Anatone

Das heißt, da hat man Kreisky eigentlich vertraut in seinen außenpolitischen…

Karl Blecha

Man hat sich interessiert, was den Kreisky da veranlasst, sich besonders zu engagieren.

Esther Anatone

Würden Sie sagen, dass es auch aus der Bevölkerung Personen gibt, die sich vielleicht fragen, warum ist das so ein Fokus und so wichtig für ihn, wenn die Bevölkerung vielleicht andere innenpolitische Themen sieht, die ihnen näher und wichtiger wären, oder gab es eher Zustimmung?

Karl Blecha

Nein, natürlich, es gab die Zustimmung, aber es war so, dass die politischen Ereignisse im Nahen Osten für den Durchschnittsösterreicher etwas fernliegende Gebiete waren. Das hat ihnen auf jeden Fall getaugt, dass der Kreisky sich um diese Sachen kümmert, aber hat nicht so weit geführt, sich selbst darum zu kümmern.

Esther Anatone

Wenn wir dann zu den Medien gehen: Wie würden Sie sagen, wurde Kreiskys Außenpolitik von diesen gesehen? War das ein Thema in der Boulevardpresse, in unterschiedlichen….? Da kennen Sie sich sicher gut aus.

Karl Blecha

Ich glaub schon, weil er ja sehr oft zitiert worden ist.

Esther Anatone

Ja, na ja, er hat ja ein enges Verhältnis zur Presse, zu den Medien, zu Journalisten gehabt.

Karl Blecha

Und er wurde sehr oft über bestimmte Ereignisse, die gerade aktuell [waren ] und die Medien beschäftigt haben, befragt.

Esther Anatone

Hat er auch… Also, die Journalisten haben von ihm viel Information bekommen. Hat er auch Journalisten genutzt, um in seiner Position an Informationen zu kommen?

Karl Blecha

Immer, ganz besonders aus Gebieten, wo eben die Informationen über die Medien sehr beschränkt sind. Und da hat er sich immer sehr bemüht, Leute zu pflegen, die in diesen Gebieten sozusagen zu Hause sind.

Esther Anatone

Kann man also… Natürlich, hatte er intensiven Kontakt und Beziehungen zu offiziellen Politikern, dann eben auch intensive Beziehungen, Kommunikation zu Journalisten. Gibt es noch weitere Gruppen, die für Kreiskys Außenpolitik wichtig waren? Also, wenn Sie jetzt gerade gesagt haben, Personen, die vor Ort waren: Gab es da auch NGOs oder spielten irgendwelche kirchlichen Institutionen…

Karl Blecha

Also NGOs, die für ihn eine Rolle gespielt haben, fallen mir nicht ein, es waren Persönlichkeiten.

Esther Anatone

Es gibt in der informellen Diplomatie neben Journalisten auch Künstler oder Akademiker [als ] eine Gruppe, die informell Politik machen kann. Wären das zum Beispiel Personen…?

Karl Blecha

Ja, aber in der Nahostpolitik haben die keine Rolle gespielt.

Esther Anatone

Gibt es abseits von Politikern andere, einzelne Persönlichkeiten, wie Sie jetzt gemeint haben, die eine Rolle gespielt haben?

Karl Blecha

Na ja, eine Rolle haben ja vor allem jene jungen Leute, die als Übersetzer benützt worden sind, gespielt und die eben aus freien Stücken heraus besondere Schriften oder Reden oder Interviews übersetzt haben und damit publik gemacht haben.

Esther Anatone

In beide Richtungen?

Karl Blecha

In beide…

Esther Anatone

Aus dem Arabischen ins Österreichische für Person, für sie hier, oder, und …

Karl Blecha

Aber natürlich in erster Linie umgekehrt für Österreicher. Aber es hat einen Zweiklang gegeben. Man hat es benützt, was sich sozusagen verbreiten lässt, aufgrund des Interesses, das ausgelöst war.

Esther Anatone

Wenn wir noch mal zur Presse kommen: Gab es in der Presse besondere Aufreger? Wir erinnern uns zum Beispiel an die Aussage von Golda Meir, dass ihr von Kreisky kein Glas Wasser angeboten wurde. Es gibt ja doch große Überschriften… Wenn zum Beispiel irgendwelche… So etwas wie dieses Ereignis, andere Ereignisse, die vielleicht kritisch gesehen wurden. Wie würden Sie sagen, hat das dann auf Kreisky zurückgeschlagen, oder auch nicht?

Karl Blecha

Nein, es hat seine Interessen in hohem Maße geweckt. Alles, was also von ausländischen Interessenten der Nahost Politik geschrieben, gesprochen worden ist, hat ihn interessiert, und das ist auch von ihm ziemlich genau, akribisch fast, registriert worden.

Maria Wirth

Waren Sie bei diesen berühmten Fact Finding Missions der SI dabei?

Karl Blecha

Ja, besonders bei einer, wo ich die führende Rolle zu spielen hatte. Das ist damals in London vereinbart worden, bei einer Sitzung der Internationale, und dort hat man das, an das kann ich mich noch erinnern, dann gesagt, also der Charly Blecha soll sich um das näher kümmern, der hat persönliche Kontakte, die wir nützen müssen.

Maria Wirth

Mit wem hat man sich getroffen bei diesem Fact Finding Missions? Wen trifft man vor Ort?

Karl Blecha

Na, das ist sehr unterschiedlich, aber in erster Linie sind die Auskunftspersonen die ständigen Gesprächspartner, die man aus diesen Ländern hat, und die man dann benützt, indem man dann den X oder Y anruft und sagt, 'Heast, was hast denn du gehört über die Ereignisse und so? Kannst du mir da was erzählen?' Das war üblich, dass man das so gehandhabt hat.

Maria Wirth

Das heißt, das sind Politiker, Leute in Botschaften.

Karl Blecha

Na, in erster Linie waren es Politiker und in zweiter Journalisten. Botschafter sind eine gehobene Ebene, die selten genutzt wird. Aber es sind bestimmte Journalisten, die sehr viel über diese Gebiete sprechen, reden, schreiben, und die waren Auskunftspersonen, weil sie viele Kontakte hatten, persönlicher Art, die unbekannt waren für die Öffentlichkeit.

Maria Wirth

Und Sie haben vorhin gesagt, Künstler spielen in dem Bereich keine Rolle, also Kulturschaffende vor Ort sind in diesem Zusammenhang nicht relevant?

Karl Blecha

Jetzt, wo Sie mich so ansprechen, denke ich nach, aber mir fällt niemand ein, der aus dem Bereich des kulturellen Schaffens, aus diesem Gebiet eine besondere Rolle gespielt hat. Die engeren Kontakte zu Kulturschaffenden haben wir natürlich zu unseren Nachbarländern gehabt, nicht? Im arabischen Raum aber... Mir ist eigentlich weniger der arabische Raum in diesem Zusammenhang…

Maria Wirth

Spielen Vertreter der Wirtschaft eine Rolle?

Karl Blecha

Natürlich auch, aber vor allem waren die ja selbst interessiert, immer die Kontakte zu pflegen, weil sie nicht zu Unrecht bestimmte zusätzliche Informationen erwartet haben durch die Kontakte. Also [für ] die Wirtschaft war das selbstverständlich und gar nicht außergewöhnlich, sondern wie gesagt, selbstverständlich.

Maria Wirth

War es für Kreisky ein Anliegen, diese Fact Finding Missions sehr breit aufzustellen, also dass er verschiedene Perspektiven bekommt, Politik, Journalisten, Wirtschaft?

Karl Blecha

Ich glaube schon, ja, dass er das immer in Zusammenhängen gesehen, registriert, bemerkt hat, also vom Bericht über Reisen bis zu journalistischen Tätigkeiten.

Esther Anatone

Gut, wir sind mit unseren Fragen am Ende und möchten an dieser Stelle fragen, ob wir etwas vergessen haben, was Sie noch gerne ergänzen möchten zu Kreiskys Außenpolitik?

Karl Blecha

Ich glaube, wir haben alles, was für das Thema, die Themen, die Sie interessieren, von Bedeutung ist, erwähnt. Wir haben nichts ausgelassen.

Maria Wirth

Darf ich vielleicht noch eine Frage stellen? Weil Sie gesagt haben, Sie möchten noch ein bisschen überlegen, wer von Seiten der SPÖ für Algerien ein Interesse gehabt hat. Müsste man Peter Strasser in diesem Zusammenhang nennen? Weil Peter Strasser hat sich ja auch immer, wie die Maria, seine Frau, für den globalen Süden interessiert.

Karl Blecha

Ja, Maria Strasser, die hat sich ja sehr engagiert, persönlich. Also daher war, glaub ich, auch ein besonderes Interesse seinerseits für diesen Bereich vorhanden.

Maria Wirth

Okay.

Esther Anatone

Dann sagen wir an dieser Stelle Dankeschön.

Karl Blecha

Bitte, bitte, wenn Ihnen da was einfällt, wo Sie glauben, ich könnte Ihnen behilflich sein mit einer Information: Anruf genügt.


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