Interview mit Barbara Taufar am 19.1.2026


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Barbara Taufar

Also, fangen wir an.

Esther Anatone

Genau, also Sie waren in der Kreisky-Ära Presseattaché in Tel Aviv und später Presserätin in Paris. Verfügen über…

Barbara Taufar

Ich war Presse- und Kulturrat in Tel Aviv und Presserat in Paris.

Esther Anatone

Mhm. Also, Sie haben langjährige journalistische, diplomatische Erfahrung in dem Sinne. Heute möchten wir mit Ihnen gerne über eben Ihre Biografie sprechen, über den diplomatischen Dienst in den 1970er Jahren, Kreiskys Nahostpolitik und auch Medienwahrnehmung und politische Kommunikation in diesem Zusammenhang. Und ein wichtiger Teil des Projekts sind eben Netzwerke, Beziehungen und die informelle Diplomatie unter Kreisky.

Esther Anatone

Beginnen möchten wir mit Biografie und Ihrem persönlichen Interesse. Vielleicht können Sie uns Ihre Biografie kurz schildern und Ihren beruflichen Werdegang skizzieren. Wie sind Sie in den diplomatischen Dienst gekommen und wann und unter welchen Umständen haben Sie Kreisky kennengelernt und mit ihm das erste Mal zusammengearbeitet?

Barbara Taufar

Kreisky habe ich kennengelernt, als ich Profiljournalistin war im Jahre 1970/71 und er war auf Kur in Bad Wörishofen und ich sollte für Profil mit unserem Fotografen Herrn Ziganek ein Interview in Bad Wörishofen machen. Worum es genau ging, kann ich mich nicht mehr erinnern, das ist schon lange her. Jedenfalls sind wir nach Bad Wörishofen in Bayern gefahren und dort war, er in einer Laube gesessen, sehr fotogen und dort haben hab ich ihn das erste Mal persönlich kennengelernt und ja, wir waren dann den ganzen Tag war ich mit Kreisky dann dort. Er hat dann selber den Fotografen für eine Zeit lang weggeschickt, weil er gesagt hat, er möchte gern mit mir allein sein, was ich sehr rührend fand und witzig.

Barbara Taufar

Also, an meiner Kette, die ich von einem Freund bekommen hatte, hing ein kleiner Davidstern und Kreisky fragte ganz unschuldig: 'Was tragen Sie denn da?' und ich sag drauf zu ihm: 'Das ist ein Davidstern.' Und er schaut mich paff an und sagt: 'Sie sind ja Zionist.' Darauf hab ich gesagt: 'Jawoll, das bin ich.' Und hab ihm einen langen Vortrag über Israel gehalten. Im Jahr 1960/61 war ich zum ersten Mal in Israel für den Express für eine Reportage. Und weil da der Papst zum ersten Mal Israel besucht hat und mein Freund Samy Molcho und Joram Harel, die haben mir alle ihre Freunde in Israel organisiert, mich zu empfangen und ich bin damals hinuntergefahren. Das war eine aufregende Reise, weil die ganzen Flugverbindungen damals noch nicht so waren wie heute. Und dann war ich das nächste Mal im Jahr [19]67 nach dem Sechstagekrieg unten und dann habe ich dem Kreisky im Jahr [19]70/71 eben einen großen Vortrag gehalten ohne Schwierigkeiten meinerseits über meine Erfahrungen in Israel und warum Israel so wichtig für die Juden wäre. Und er hat sich das ganze geduldig angehört und wir haben auch natürlich das Interview für Profil geführt und das war ein sehr erfreuliches Treffen. Und vor allem habe ich überhaupt keine Scheu gehabt, völlig offen mit ihm über Israel zu reden. Obwohl er ein paar ätzende und zynische Bemerkungen machen wollte, habe ich ihn eher mit meiner Begeisterung überrollt und das hat er sich gefallen lassen. Also das war meine erste Begegnung mit Kreisky.

Barbara Taufar

Und dann im Jahre [19]74 hat mir eine sehr liebe Freundin, die Frau Botschafter [Hedwig] Wolfram, die damals für die Kultur im Außenamt zuständig war, erzählt, dass der Job als Presseattaché in Tel Aviv frei werden würde. Und ich war ganz aufgeregt und wollte natürlich unbedingt wieder nach Israel und überhaupt nach Israel und mit meinen Freunden sein und für Österreich arbeiten und war natürlich eine begeisterte Kreisky-Anhängerin und war auch involviert in der Wahlkampagne, bevor er gewählt worden war. Und da habe ich dann mit Hilfe auch meines alten Freundes Karl Kahane wieder einen Zugang zu Kreisky gefunden und habe ihn gebeten, ob er mir helfen kann, dass ich übers Außenamt diesen Job bekomme, weil weil ich glaube, dass ich für Österreich gut arbeiten könnte. Und so war es auch.

Esther Anatone

Woher haben Sie den Herrn Kahane gekannt damals?

Barbara Taufar

Das ist eine ganze Biografie. Ich werde Ihnen jetzt nicht erzählen, woher ich meine ganzen Freunde und wann kennengelernt habe, aber er war ein inniger Freund und wir waren befreundet unser ganzes Leben lang. Vom Jahre [19]67 an, wie ich ihn kennengelernt habe in Wien.

Esther Anatone

Sie haben gesagt, dass die Stelle als Presseattaché frei wurde. Waren Sie dann die erste Presseattaché oder gab es diese Position auch früher?

Barbara Taufar

Als Presse, ja, als Presseattaché war ich der Erste, weil mein Job vorher vom ersten Zugeteilten mehr oder weniger mit der rechten Hand mitgearbeitet wurde. Aber ich wurde sehr bald, weil ich es so wollte, auch Kulturrat, weil am Kultursektor so viel zu tun war. Und zwar war es so, dass die deutsche Botschaft uns eigentlich mit angeschlossen hat an ihre Kulturprogramme. Und diesen Anschluss wollte ich nicht, einer hat genügt und ja, hab mich sehr aktiv dann in die Kulturarbeit wirklich gestürzt, weil ich auch dieses neue Österreich, diese Kreisky-Vision vom Neuen Österreich in Israel vermitteln wollte über Künstler und Wissenschaftler. Und das ist mir Gott sei Dank sehr erfolgreich, ich glaube erfolgreicher als meine Pressearbeit, gelungen, weil die Intellektuellen und Künstler in Israel sehr positiv auf die Wissenschaftler und Künstler und Intellektuellen aus Österreich reagiert haben. Und da die Presse auch gut mitgezogen ist, indem sie darüber berichtet hat.

Esther Anatone

Das heißt…

Barbara Taufar

Was die Pressearbeit per se jetzt betrifft, war der Fokus in Israel nur auf Kreisky, also Wirtschaft oder Militär oder irgendwelche anderen Themen spielten in Israel außer der Kultur keine Rolle und nachdem, wie wir alle ahnten, die Presse in Israel nicht unbedingt freundlicher werden würde, vis-à-vis Kreisky, habe ich versucht, dieses Minus mit dem Plus der Kulturarbeit ein bisschen zu harmonisieren und auszugleichen.

Esther Anatone

Das heißt, die Kulturarbeit war ein wichtiger Schwerpunkt.

Barbara Taufar

Ein wichtiger Schwerpunkt und dann sehr bald ist über meine auch alte Freundschaft zu Uri Avnery, den ich im Jahre [19]67 in Wien über meinen Freund Joram Harel kennengelernt habe, ist sehr rasch meine Beziehung zu den Palästinensern in den besetzten Gebieten in der Westbank und in Gaza entstanden und das war jetzt das dritte Standbein von mir, wo ich natürlich wusste, dass das Außenamt hatte weniger Interesse daran. Ich habe das Außenamt auch gar nicht gefragt, Ich hab das also automatisch einfach mitgemacht und das wurde eine ganz wichtige Arbeit, die ich eigentlich direkt mit dem Bundeskanzleramt beziehungsweise mit dem Büro Kreisky und mit Kreisky selber koordiniert habe.

Esther Anatone

Vielleicht können Sie noch etwas genauer auf Ihre Aufgaben und auf die Zusammenarbeit eben mit Außenministerium in der Botschaft und im Bundeskanzleramt eingehen?

Barbara Taufar

Also im Außenamt, glaube ich – ich weiß es, hat man mich mit sehr missmutigen und kritischen Augen betrachtet, weil ich ein Außenseiter war. Ich war eine junge Journalistin, Journalisten waren im Außenamt immer suspekt und der einzige, der keine Angst vor Journalisten hatte, war Kreisky und ich hatte einen Sondervertrag, einen sehr schlecht bezahlten Sondervertrag. Man wollte damals keine Leute mit Sonderverträgen im Außenamt haben, im Gegenteil zu heute. Und es ist mir sehr bald klar geworden, dass man im Außenamt eigentlich nur die konventionelle Pressearbeit, nämlich die Presseberichte von mir und auch die Kulturberichte, die dann später kamen, für die Kulturabteilung wollte, aber an meiner Arbeit mit der israelischen Friedensbewegung, die dann auch noch dazu kam und den Palästinensern war schlicht kein, also wenig Interesse da. Und nachdem ich direkt mit Margit Schmidt und mit Bundeskanzler Kreisky in Verbindung war, habe ich natürlich auch nicht unbedingt viele Freunde im Außenamt gehabt. Denn man, man muss sich vorstellen, dass das Außenamt über viele, viele Jahrzehnte ein schwarzes Amt war mit lauter ÖVPlern oder mit einem Großteil von ÖVPlern, die mich also überhaupt nicht mochten und die mir auch versucht haben, ein Legerl nach dem anderen zu legen, was ihnen zweimal gelungen ist, aber dann doch danebenging. Also ich wurde nicht abberufen und später haben die begriffen, dass sie nichts gegen mich unternehmen konnten, weil Kreiskys Außenpolitik so eindeutig war und er sich auch in seinen ständigen Pressekonferenzen nach den Regierungssitzungen ja eindeutig über die Presse geäußert hat, weil wir ihm ja ständig auf dem raschesten Wege über Funk die schrecklichsten Artikel, die es nur gab in Israel, überweisen konnten, die er gebraucht hat, natürlich für seine Argumente, was seine Nahostpolitik betrifft.

Barbara Taufar

Die arabische Presse hab ich nicht bearbeitet und ich glaube, nachdem die ja unter Zensur der israelischen Militärbehörden war heute wie damals, wäre das wahrscheinlich auch nicht sehr interessant gewesen, wenn überhaupt etwas über Kreiskys Außenpolitik dort gestanden wäre, denn die besetzten Gebiete haben sich ja eher an den Kreisky-Berichten, die sie über die arabischen Länder und arabische Zeitungen in den arabischen Ländern bekommen haben, orientiert. Oder über diverse hebräischsprachige Zeitungen, die aber zum großen Teil sehr schlimm über den Kreisky berichtet haben. Wobei schlimm ein Hilfsausdruck ist, es sind bösartige und gemeine und vor allem unwahre Artikel berichtet worden beziehungsweise veröffentlicht worden und ich habe dann überlegt, wie kann ich da ja mit welchen Methoden kann ich das ein bisschen unterminieren beziehungsweise mit der Wahrheit ausgleichen. Und das ist mir eigentlich nur dann gelungen, nach ungefähr einem halben Jahr habe ich sehr innige Freundschaften mit den wichtigsten israelischen Journalisten auf der liberalen und linken Seite genießen können, muss ich schon sagen. Mit den rechten Medien war nie etwas anzufangen und die hätten wahrscheinlich auch nicht mitgezogen. Die intellektuellen Journalisten und die Liberalen und die linken Journalisten und damals war ja Israel noch ein sozialdemokratisches Land, zumindestens offiziell, die waren neugierig auf Kreisky, weil er so als Bösewicht dargestellt wurde. Und die waren eigentlich sehr happy, wenn es mir gelungen ist, Interviews mit Kreisky, also persönliche Gespräche, persönliche Treffen mit Kreisky zu organisieren, die dann in den wichtigsten Medien in Israel, und das war damals vor allem der Jediʿot Acharonot, Jerusalem Post, auch der haʿOlam haZeh vom Uri Avnery, wenn dort große Kreisky-Interviews veröffentlicht worden sind.

Barbara Taufar

Die Interviews waren zum großen Teil gespickt mit sehr positiven Bemerkungen, aber Kreisky konnte leider nicht umhin, immer wieder ganz furchtbare Bemerkungen über Israel, seine Politiker und vor allem auch die Armee zu machen, indem er in einem Interview mit einer holländischen Zeitung, die Trouv heißt, die israelische Armee während des Libanonkriegs Ende der [19]70er Jahre als Banditen bezeichnet hat. Also das war nicht unbedingt hilfreich, wobei das nur ein harmloser Ausdruck ist. Also er hat den späteren Premierminister [Menachem] Begin, wie wir alle wissen, auf die furchtbarste Weise beschimpft, was hier nicht gut angekommen ist. Allerdings hat Begin immer gewusst, an wen er sich zu wenden hat, wenn er nicht in der Lage war, die von palästinensischen Terroristen in ihren Gefängnissen gehaltenen Soldaten, die während eines Krieges von der PLO oder nicht von der PLO, aber meistens von weiteren Terrororganisationen wie der PFLP und Abu Nidal und so weiter gefangen wurden. Und da hat man sich immer erfolgreich, teilweise erfolgreich an den Kreisky wenden können, der auch immer geholfen hat. Trotz der schrecklichen und auch bösen Bemerkungen der israelischen Rechtspolitiker gegen ihn.

Esther Anatone

Das heißt, damit sind wir jetzt eigentlich schon ganz tief in die Nahostpolitik eingetaucht oder kommen wir zu diesem Themenblock. Wie würden Sie den Bruno Kreiskys grundsätzlichen Zugang zur Nahostpolitik beschreiben? Offen?

Barbara Taufar

Ich glaube, es war sein ehrlicher Wunsch und sein wirkliches Bedürfnis, einen Frieden zwischen Palästinensern und Israelis zustande zu bringen. Das war nicht eine zynische Politik oder ein irgendein eine Fantasie von einem Politiker. Er war wirklich der Überzeugung, dass Israel keine Chance in der Zukunft haben wird, hier in dieser Gegend weiter zu existieren, wenn es nicht einen Frieden mit den Palästinensern und damit auch mit der arabischen Welt geben kann. Ich glaube, er wäre heute entsetzt und wohl auch sehr enttäuscht zu sehen, dass das nicht nur damals nicht möglich war, sondern auch in der Zukunft wahrscheinlich nur sehr schwer möglich sein wird. Es war so, dass meine Generation im Friedenslager und auch auf der sozialdemokratischen Seite in Israel und auch in den besetzten Gebieten in der Westbank und in Gaza. – Also Leute, die heute über 80 sind und teilweise nicht mehr am Leben sind. Wir waren damals wirklich voller Hoffnung. Wir haben gedacht, dass es funktionieren wird. Ich hab noch vor Camp David mit dem OK des Bruno Kreisky im „American Colony“ die erste Konferenz organisiert zwischen dem israelischen Friedenslager und Palästinensern, die für einen Ausgleich mit Israel sind. Das war ein wunderbarer Anfang und wir waren eigentlich trotz aller Terroranschläge, die es immer wieder gab in Israel, doch hoffnungsfroh, dass irgendwas weitergehen würde. Aber es ist auch zu Kreiskys Zeiten eigentlich nur sehr wenig weitergegangen, denn die Palästinenser haben, was Kreisky vielleicht nicht wirklich ernst genommen hat, die Palästinenser waren untereinander trotz [Jassir] Arafats Allmacht über die PLO untereinander so zerstritten und in so viele Teile auseinandergerissen, muss man wirklich sagen, weil sie sich auch untereinander umgebracht haben.

Barbara Taufar

Raymonda Tawil zum Beispiel ist, wie sie den Kreisky Menschenrechtspreis in Wien, auf meine Bitte muss ich bei aller Bescheidenheit sagen, bekommen hat und sie war eine hervorragende Sprecherin für die Freiheit Palästinas, dass das in der arabischen Welt möglich war, dass eine Frau so grandiose PR für die PLO gemacht hat und die Friedenspolitik, zumindestens die offizielle Friedenspolitik des Arafat, das gab es auch später nicht mehr. Und die Raymonda wurde in Wien tatsächlich von den Abu Nidal Leuten verfolgt und wir mussten Angst haben, dass ihr irgendetwas passieren wird. Es war ja auch so, dass Kreisky und selbst Karl Kahane von Abu Nidal Leuten bedroht wurden und beide zu ihrer großen Verärgerung Sicherheitsleute um sich haben mussten, um ihr Leben nicht zu gefährden. Das Problem war, dass glaube ich Kreisky diese Zersplitterung, die es ja bis heute in der arabischen Welt gibt und auch in der palästinensischen Welt gibt, nicht wirklich analysiert hat. Und vielleicht wollte er es auch nicht, weil er besessen war von der Idee, dass es einen Frieden geben muss. Es gibt kein Muss hier. Es gibt hier viele Möglichkeiten, die dann immer wieder zusammenbrechen und dann muss man Jahrzehnte warten, bis wieder irgendwo etwas von Neuem beginnt. Aber es ist sehr schwer und das weiß man inzwischen ja auch im Westen, die Amerikaner wissen das vielleicht noch nicht so genau, aber es ist sehr schwer eine einheitliche arabische Meinung zu bekommen, bedingt durch die kulturelle und religiöse Zersplitterung in der arabischen Welt, nicht. Davon hat Kreisky, glaube ich, nicht allzu viel gewusst, dass die religiöse Einstellung innerhalb der arabischen Welt so eine große Rolle spielt. Auch in den besetzten Gebieten; die christlichen Araber denken anders wie die muslimischen. In Gaza gibt es die verschiedensten islamischen und islamistischen Weltanschauungen und Gruppierungen und jeder denkt anders über den anderen.

Barbara Taufar

Und die Islamisten haben dort ja auch die ganze PLO-Führung, die einmal in Gaza an der Macht war, vor einigen Jahren, wie die Wahlen dort waren und die Hamas-Leute die Wahlen gewonnen haben, haben die alle, viele alter Freunde von mir einfach umgebracht. Das heißt, dieses gegenseitige Umbringen war, glaube ich, dem Kreisky nicht so ganz klar und auch wohl nicht so ganz geheuer. Das ist etwas, womit man natürlich auch heute rechnen muss und das ist sehr schwer, unter solchen Verhältnissen eine doch westlich geprägte Politik zu entwerfen, geschweige denn durchzusetzen.

Esther Anatone

Damit sind wir eh, Sie haben jetzt schon so viele verwiesen drauf, dass es so viele unterschiedliche Akteure gibt. Wer waren denn wichtige Ansprechpartner:innen für Kreisky in Österreich, aber auch in der Region zur Nahostpolitik? Wessen Meinung…?

Barbara Taufar

In Österreich, das weiß ich nicht, weil ich ja in Israel gesessen bin und in der Nahostpolitik müssen Sie seine ehemaligen Kabinettschefs fragen, leider lebt der verstorbene, angeblich umgebrachte österreichische Botschafter Herbert Amry nicht mehr, der ja der Mann Kreiskys im Nahen Osten war. Aber ich kann nur von Israel und den besetzten Gebieten reden. Und ich hab ihm ja auch viele Israelis, die dem Friedenslager vor allem und auch die junge Garde in der Sozialdemokratischen Partei, hier in der linksradikalen Partei Mapam, nach Wien geschickt, damit er die junge Generation kennenlernt, weil wir alle gehofft haben, dass die junge Generation was weiterbringen wird und nicht die ältere Generation der ehemaligen Unabhängigkeitskämpfer, nicht? Also wie [Jitzchak] Rabin, Begin, Jitzchak Schamir und Arik Scharon und so weiter. Wir wollten ja die junge Generation stärken und dasselbe in den besetzten Gebieten. Und er hat viele, viele Israelis der jungen Generation kennengelernt, die aber leider auch nicht stark genug waren, um innerhalb der Mifleget haʿAvoda eine Friedenspolitik durchzusetzen, weil weder [Schimon] Peres damals, der eisern gesagt hat, never, never wird es ein Gespräch mit dem Arafat geben. Später hat er den Nobel Peace Prize mit dem Arafat sehr happily empfangen. Also für Peres gab es never, never. Und wie Jitzchak Rabin, den ich sehr gut kannte und mit dem ich viele, viele stundenlange Gespräche über eine mögliche Autonomie und so weiter verbracht habe, der war auch nicht unbedingt eine Friedenstaube. Und ich bin sehr skeptisch, ob er trotz der Oslo-Verträge wirklich von sich aus die Kraft gehabt hätte, den Palästinensern eine Unabhängigkeit oder eine zumindest eine Autonomie zu gewähren. Er war nach vielen Gesprächen bereit, sich mit der Autonomie zu beschäftigen und ich habe dann damals das Außenamt gebeten, mir möglichst viele Unterlagen der Autonomie mit Südtirol, an der Kreisky ja sehr beteiligt war und das habe ich auch dem Rabin immer wieder gesagt. Vergessen Sie nicht, ich war eine begeisterte Anhängerin von Kreisky in jeder Hinsicht, bis heute übrigens. Und da war Rabin doch dann interessiert und wollte lesen, zumindest wie das war, und so weiter. Es gab dann, nachdem Rabin die Wahlen nicht gewonnen hat und Begin Premierminister wurde, gab es ein Treffen mit Kreisky in Wien und das war angeblich eher unerfreulich und nicht sehr, nicht sehr optimistisch. Das ist aber das, was ich vom Rabin weiß. Wie es der Kreisky gesehen hat, das weiß ich nicht.

Esther Anatone

Sie haben vorher auch schon Uri Avnery erwähnt und auch in diesem Zusammenhang [Arje] Lowa Eliav, wie ist die Rolle von diesen beiden?

Barbara Taufar

Beide haben verschiedene Funktionen gehabt. Uri Avnery hat schon sehr früh Mitte der [19]50er Jahre mit den Palästinensern Kontakt aufgenommen und versucht, das israelische Friedenslager aufzubauen und Gespräche über den Frieden zu führen. Und ich hab ihn im Jahre [19]67 in Wien kennengelernt und nein, nein, nein, Moment. Ich habe ihn noch früher kennengelernt, bevor ich nach Deutschland ging. Das heißt, das muss im Jahre 1960/61 gewesen sein. Da war er in Wien, weil er über Wien nach Florenz fuhr und dort in Florenz an einem jährlichen palästinensisch-jüdischen Friedensgespräch, das der Florentiner Bürgermeister organisierte, teilgenommen hat. Ich wollte zu einem Vortrag für die Sozialdemokratische Partei in Österreich wollte man einen Repräsentanten aus Israel, einen interessanten Mann haben und ich habe den Kabinettschef vom damaligen Außenminister Jigal Allon, also es war noch [19]75/76 muss das gewesen sein, da war Allon Außenminister, vorgeschlagen und zwar den Professor Shlomo Avineri, ein sehr bedeutender Historiker und Philosoph der Hebräischen Universität und mit fast den gleichen Namen Avineri und Avnery. Nun ist aber genau einige Tage bevor Shlomo Avineri nach Wien fahren wollte, ist ein furchtbares Interview von Kreisky in den israelischen Medien veröffentlicht worden, wo er also entsetzliche Bemerkungen wieder über die israelische Politik gemacht hat und das Außenamt dem Shlomo Avineri verboten hat, nach Österreich zu fahren. Nun saß ich also da und hatte keinen Avineri und Gott sei Dank hatte ich aber einen Uri Avnery und ich habe Uri Avnery gefragt, ob er nicht einspringen könnte und er nach Wien fahren könnte, um den großen Vortrag über diese politische Situation in Israel zu halten. Der Uri war natürlich begeistert und auf diese Weise ist eine sehr enge Beziehung zwischen Kreisky und Uri Avnery entstanden, der dem Kreisky diejenigen der PLO ins Haus gebracht hat, die eine Aussöhnung mit Israel wollten, wie Said Hammami, der leider umgebracht wurde, und Issam Sartawi, der leider auch zum Schluss umgebracht wurde.

Barbara Taufar

Und das war eine sehr intensive Bekanntschaft. Ich war in der Bekanntschaft, Briefträger, weil die gesamten geheimen Briefe entweder über die Botschaft an den Uri gegangen beziehungsweise ich habe über die Diplomatenpost an den Kreisky die Briefe des Uri Avnery über die letzten Entwicklungen in Israel, was die Palästinenser betrifft, geschickt. Also ich war da ein politischer Briefträger. Ähnlich war meine Rolle mit dem Lowa Eliav. Lowa Eliav war ein sehr wichtiger Mann, schon zu Beginn des Staates. Er war involviert in der Aliyah der marokkanischen Juden nach Israel. Er hat für den Geheimdienst gearbeitet und [war] später dann Minister. Er war immer auf der Friedens-, auf der Aussöhnungsseite mit den Palästinensern und hatte Beziehungen, so wie die Mapam, auch mit verschiedensten arabischen Kreisen. Das hat der damaligen Ministerpräsidentin Gold Meir überhaupt nicht gefallen und sie hat den Lowa Eliav in einer hitzigen Debatte zwischen den beiden aus der Mifleget haʿAvoda rausgeschmissen, also aus der sozialdemokratischen Partei. Und der Lowa hat aber schon in den [19]50er Jahren, als Kreisky Staatssekretär im Außenamt war, auf Bitte der israelischen Regierung, ist er nach Wien gefahren, um eine Beziehung zu schaffen. Denn damals war wichtig, was mit den Juden in Russland passieren wird. Und man wusste, dass Kreisky freundliche Beziehungen zur russischen Regierung hatte. Und Lowa selber war natürlich auch aktiv dabei, die russischen Juden herauszukriegen und nach Israel zu bekommen.

Barbara Taufar

Und da haben sich beide Männer sehr gut verstanden. Sie waren beide ja Sozialisten und da ist eine damals schon eine Freundschaft entstanden zwischen beiden. Und diese Freundschaft ist dann intensiviert worden, wie der Lowa von der Regierung und Armee gebeten wurde, zum ersten Mal mit dem Kreisky wieder Kontakt aufzunehmen, um israelische Soldaten, die im Krieg, ich glaube, das war der Jom-Kippur-Krieg möglicherweise noch, ich kann mich da täuschen, aber jedenfalls um sie heraus, um sie wieder nach Israel zu bringen. Und das ging dann besonders stark weiter, wie der erste Libanon-Krieg war, Ende der [19]70er Jahre, wenn Sie sich erinnern. Und da war ich schon mit dem Lowa befreundet, ich habe auch Briefe geschickt mit Diplomatenpost zwischen Lowa und Kreisky und da gab es dann die intensiven Beziehungen, die Treffen zwischen Kreisky und Lowa und ich nehme an, Büro Kreisky, dann in Wien der Herbert Amry, der ja in Syrien und Beirut akkreditiert war, wie man diese Leute herauskriegen kann. Es ging ja dabei um eine langwierige geheim gehaltene Arbeit. Also wo die israelischen Medien auch nichts wussten und geschwiegen haben, nicht so wie heute, wo alles in den Medien sofort verbreitet wird und dadurch nichts passiert. Oder sehr wenig passiert oder sehr langsam passiert. Damals war die ganze Medienwelt noch eine andere. Es gab kein Internet, es gab kein Artificial Intelligence, nix. Also, es ist alles über persönliche Kontakte gegangen. Das ist ganz wichtig für Ihre Arbeit zu wissen, weil das vielleicht auch eine meiner Stärken war. Auch wenn ich unter Anführungszeichen nur Presse- und Kulturrat war. In den Augen der Israelis, die haben das sehr schnell begriffen, 'She's Kreisky's man in Israel' und das dasselbe gilt für die Palästinenser, weil sie wussten, dass ich diesen direkten Kontakt zu ihm hatte.

Barbara Taufar

Und der Geheimdienst natürlich meine Telefone immer abgehört hat. Das hat den Kreisky aber überhaupt nicht gestört, auch mitten in der Nacht, wenn er meistens angerufen hat und dann geschimpft hat auf alles, was sich hier in Israel abspielt und ich ihm dann immer gesagt habe, Herr Bundeskanzler, bitte, bitte nicht so offen reden, ich werde abgehört. Und er hat drauf gesagt, das macht überhaupt nichts. Hauptsache, Sie sagen immer die Wahrheit. Mit Lowa Eliav ist es so gewesen: Über den Herbert Amry sind über die Diplomatenpost an die Israelis Kleinigkeiten dieser Gefangenen oder Hinweise die ganz wichtig für die Israelis waren [gegangen], ob das wirklich der Herr X oder der Y ist, der dort im Gefängnis sitzt. Also das ging oft monatelang, bis man genügend Material hatte oder sei es auch nur Stückerln von der Armeeuniform, irgendetwas, wo man DNAs vielleicht machen konnte. Jedenfalls war ich auch da Postbote, weil das an den Lowa über mich an den Lowa ging und dann die Armee weitergemacht hat. Solange Begin an der Macht war, hat das reibungslos funktioniert. Trotz der schrecklichen Angriffe gegen Begin, den Kreisky ja „…“ genannt hat und das hat den Begin also nicht sehr gefallen, klarerweise. Trotz dieser Angriffe hat Begin immer gewusst, wenn er sich an den Kreisky wendet, dann kann er sich darauf verlassen, dass er was tut, um Menschenleben zu retten. Und es heißt ja im Judentum auch, und das hat ihm Lowa oft gesagt, wenn man ein Menschenleben rettet, so rettet man die ganze Welt. Und das trifft auf den Kreisky wirklich zu. Er hat sogar, wie er schon im Rollstuhl saß und es ging um einen ganz großen Haufen, 10 oder 5 bis 10 israelischen Soldaten, die man frei bekommen wollte, die in Syrien in irgendwelchen schrecklichen Gemäuern saßen. Und das war nach dem Libanonkrieg nach Sabra und Schatila. Kurzum, der Lowa ist mit einem israelischen General nach Wien gefahren, der in Sabra und Schatila verwickelt war, indem er zugeschaut hat, was dort passiert. Ich war damals schon in Paris an der Botschaft und der Lowa ruft mich in Paris an und sagt, du, ich bin in Wien und mit dem General so und so und wir treffen morgen den Kreisky, um zu versuchen, unsere Soldaten, ich glaube, das war die PFLP, der [Ahmad] Dschibril, um sie herauszukriegen.

Barbara Taufar

Und wie ich höre, dass dieser General, der mit dem Arik Scharon gemeinsam wirklich für uns Linke ein Tabu war, weil er eben zugeschaut hat und nichts getan hat in Sabra und Schatila, wie die Palästinenser, die dort umgebracht worden sind, von den christlichen Milizen. Und wie ich gehört hab, dass der kommt, rief ich meine Freundin Margit Schmidt an und hab der Margit gesagt, Margit, bitte ruf den Kreisky an und sag ihm, wer morgen mit dem Lowa kommt. Ich halte das für eine Chuzpe sondergleichen, wenn der Kreisky erfährt, mit wem er da spricht, also das – das wäre ihm unerträglich. Ich war mit der Margit übrigens die ganzen Jahrzehnte befreundet. Wir haben wirklich zusammengearbeitet. Also ich hab ja auch alle Israelis, die nach Wien gekommen sind, die sind also über die Margit dann ins Büro von Kreisky gegangen und die Margit hat sie dann am Abend auch ausgeführt und so weiter und so weiter. Wir haben immer gemeinsame Aktionen gestartet, mehr oder weniger. Nicht immer, aber fast immer. Und der Kreisky erfährt das, ist wütend, sagt das Treffen ab und sagt, ich will mit dem Lowa Eliav nichts mehr zu tun haben.

Barbara Taufar

Ein paar Monate später fahre ich nach Israel auf Urlaub und ich bin im Hotel und Lowa Eliav ruft mich an und ich sag, Lowa, woher weißt du, dass ich da bin? Ich bin gerade angekommen, sagt dann, ja, wir wissen das alles. Also, es ging darum, kannst du bitte den Bruno anrufen, ich muss ihn sprechen, wir müssen unsere Buben herauskriegen aus diesem Gefängnis. Und ich sag, ja, natürlich gern, ich versuch alles, was nur möglich ist. Und habe gedacht, aber ich werde das von einem Telefon aus machen, wo der Geheimdienst mich nicht abhören wird und bin zu einer Freundin nach Tel Aviv gefahren in der Hoffnung, dass das also schön persönlich und privat und ohne Mossad sich abspielen wird und sag zu ihr, sie war die geschiedene Frau übrigens vom ehemaligen israelischen Generalstabschef. Und ich sag zu ihr, Miri, ich muss den Kreisky anrufen, kann ich das über dein Telefon machen? Sagt sie, ja sicher, soll ich rausgehen, sag ich, nein, nein, du kannst ruhig dabei bleiben und ruf den Kreisky an. Und ich sag, Herr Bundeskanzler, bitte, bitte, bitte, die sind seit Jahren dort, die müssen befreit werden, die Israelis sind schon ganz verzweifelt, die Familien sind verzweifelt, keiner weiß, wie es denen geht, können Sie nicht doch bitte mit dem Lowa zusammenkommen? Nein, kommt nicht in Frage, dann kommt er mir wieder mit so einem General daher. Sag ich, nein, nein, der Lowa wird sicherlich allein kommen. Ja, aber die Israelis müssten dann mindestens 1.200 Palästinenser freilassen. Und ich in meiner Not sag ja sie sind sicherlich bereit, 1.200 Araber freizulassen aus ihren Gefängnissen. Das war natürlich nachher ein furchtbares Drama in Israel. Die größte, das war die größte Zahl, die je für 6, glaube ich, 6 oder 7 Israelis freigelassen wurden, 1.200 arabische Häftlinge! Aber ich in meiner Not musste ja sagen, die Israelis werden das machen, weil sonst hätte der Kreisky nicht eingewilligt.

Barbara Taufar

Also, Lowa fuhr nach Wien, es gab keine andere Möglichkeit, als dass der Kreisky selber, Herbert Amry gab es nicht mehr, dass der Kreisky selber nach Damaskus fährt. Und Kreisky ist schon schwer krank mit seinem Rollstuhl nach Damaskus gefahren, um den Ahmad Dschibril zu treffen. Und erstens einmal, die Israelis sind freigekommen und Kreisky hat mir später erzählt, also wenn die glauben, dass das ein Vergnügen war, dort zu sitzen und dass ich mir anhören muss, dass ich genau der eine bin, den der Dschibril hasst, nämlich die Juden, dann soll man auf mich vergessen. Also er war schon sehr, sehr getroffen von dem Verhalten dieses Palästinensers. Dschibril ist ein langjähriger Terrorist gewesen, ein Bekannter und das glaube ich, das war das erste Mal, dass der Kreisky von einem palästinensischen Terroristenanführer als Jude beschimpft wurde. Der Arafat war damals schon nicht mehr imstande, seine eigene PLO und die ganzen Splittergruppen, die er hatte, so weit zu kontrollieren, dass sie nicht Terroranschläge machen.

Barbara Taufar

Und ich habe damals in Jerusalem gewohnt und ich kann mich erinnern, es waren jeden Tag in der Früh schreckliche Explosionen zu hören, die mich aufgeweckt haben, weil Autobusse in der Früh in die Luft gesprengt wurden und zig Tote waren, zig Tote und man ist wirklich in Blutlacken gegangen und der Arafat hat nichts dagegen unternehmen können, er war schon zu schwach innerhalb der PLO. Und natürlich war auch Rabin nicht imstande, die Wut der Israelis gegen die PLO und gegen die Araber in irgendeiner Weise zu beruhigen, noch dazu, weil er sich ja für Oslo ausgesprochen hatte mit dem Peres. Der Peres in der Zeit hat eher geschwiegen und Rabin war Premierminister. Und auf diese Weise haben wir leider den Rabin durch einen entsetzlichen Mord eines israelischen, rechtsradikalen Faschisten aus den besetzten Gebieten verloren und ich glaube, von dem Augenblick an ist Israel in einer innenpolitischen Jauche verschwunden, deren Gestank heute schon so groß ist, dass sich sogar die Juden im Ausland von Israel distanzieren wollen. Das muss man ganz offen sagen, hier hat sich mit dem Mord an Rabin radikal die gesamte Situation verändert. Nicht nur radikalisiert, es hat sich auch die Linke und das Friedenslager nie mehr erholt, nie mehr, auch wenn der Peres dann später mit dem Jitzchak Schamir eine Zeit lang Prime Minister war und dann Präsident war, das ist alles unwichtig. Der Arafat ist kurz darauf gestorben oder gestorben worden und es ist eigentlich dann alles hier zusammengebrochen. Diese Terroranschläge, die lange Zeit weitergingen, haben natürlich die Rechtsradikalen derartig und auch die Religiösen derartig unterstützt, dass dann der [Benjamin] Netanjahu freie Hand hatte. Und die Araber, in Wirklichkeit jetzt seit Generationen, von den Israelis nichts mehr anderes kennen als die eiserne Faust. Und diese eiserne Faust wird unterstützt von Millionen Dollar Noten, die sie von den Amerikanern bekommen und wenn die einmal nicht mehr kommen, wird Israel in sich zusammenbrechen.

Esther Anatone

Ja, das sind viele Namen und schwierige Verhältnisse auch und Zusammen-, also wie das zusammenspielt auch wir haben jetzt eh schon, also unsere folgenden Fragen wären jetzt eben auch Kreiskys Verhältnis zu israelischen Politikern, auch seine Beziehung zu Arafat, Sartawi, [Anwar el] Sadat, [Muammar al-]Gaddafi, möchten Sie da noch etwas ergänzen?

Barbara Taufar

Nein, dazu kann ich nichts sagen, weil mein Aufgabengebiet war hier, Israel und Palästina. Und meine Bemühungen waren eben, dass der Kreisky außer der PLO und seinen Freunden in der PLO, auch die Palästinenser aus den besetzten Gebieten kennenlernen sollte. Und ich hab mit einigen Leuten dann auch gemeinsame Projekte, österreichisch-palästinensische Projekte versucht durchzuführen, vor allem mit dem Professor [Andreas] Rett, einem leider verstorbenen berühmten Kinderarzt in Wien, den ich durch die Westbank und Gaza geschleppt habe, weil es so viele Babys und Kleinkinder gibt in diesen Gebieten, die mit schrecklichen Geburtsschäden auf die Welt kommen. Es gibt dort nur ganz primitive, rührend gemeinte quasi Kindersanatorien, die von evangelischen Schwestern aus Holland oder irgendwelchen katholischen Schwestern aus, ich weiß nicht wo, geleitet werden und hin und wieder kommt ein Arzt vorbei mit einer Injektion. Aber es gibt kein Projekt, wie man da helfen könnte und dasselbe in Gaza. Und wir sind dann also durch die ganze Westbank und Gaza gefahren und haben gesehen, was sich da abspielt, wie die Kinder, in welchem Zustand diese Kinder sind. Tausende Kinder, die also die Geburtsschäden tragen. Der Rett hat gesagt, er hat so etwas die letzten 40 Jahre nicht mehr gesehen. In Europa gibt's das nicht mehr. Und das gibt es, weil die Mütter schlecht ernährt werden und überhaupt keine ärztliche Versorgung haben auch während der Schwangerschaft. Das war das Ende der Kreisky-Ära und ich wollte für die besetzten Gebieten und in Gaza schnorren bei Steyr-Daimler-Puch: Zwei große quasi Kombis, die der Rett mit seinen Leuten in Wien zu einer improvisierten Rettung und kleinen Ordination umbauen könnte und wo wir Ärzte aus den besetzten Gebieten nach Wien holen, die genau für diese Dinge unterrichtet werden an unseren Spitälern. Da hätten wir genügend auch Genossen gehabt an den Spitälern, die das gerne gemacht hätten, damit wir dann in diesen Autos palästinensische Ärzte hätten, die durch die ganzen Gemeinden dort fahren könnten und die Mütter beraten, die Mütter versorgen und die Kinder dann auch versorgen. Dasselbe in Gaza. Und dann leider gab es die Wahlen in Wien und Herr [Fred] Sinowatz ist Bundeskanzler geworden und alle Kreisky-Leute sind von hinnen nach dannen verschwunden, auch ich. Rett ist leider viel zu früh. Der Heinz Fischer, der damals glaube ich Forschungsminister war, hat von seinem jordanischen Kollegen einen Brief bekommen, wo sie sagen, wie wunderbar, dass die Frau Taufar sich so einsetzt für unsere Mütter in den besetzten Gebieten. Hätte ich gerne noch zu Ende geführt. Sinowatz hat alles gestrichen. Es ist nichts mehr passiert. Ich bin abgezogen worden und nach Paris geschickt worden, wo ich eigentlich nie hin wollte.

Esther Anatone

Wenn wir noch einmal in die Kreisky-Zeit zurückgehen, auch in dieser Zeit spielte die Sozialistische Internationale eine sehr große Rolle. Wie würden Sie die Rolle von dieser in der Nahostpolitik beschreiben?

Barbara Taufar

Ah, das ist ein interessantes Thema. In der SI war es ja nicht der Rabin, der dort mitgeredet hätte, sondern der Schimon Peres, der dort seine Bühne hatte. Und Peres war ein leidenschaftlicher Redner und hat sich mittragen lassen, oft von seiner eigenen und politischen Fantasie und dadurch oft nicht die Wahrheit gesagt. Das war eines seiner Probleme, warum er auch in Israel nur ungern von seinen Sozialisten gewählt wurde. Und es gab in Israel eine wirkliche linke Bewegung, das war die Mapam. Seit der Staatsgründung im Jahr [19]48 war die Mapam zuerst eine sehr kommunistisch neigende, also Russland orientierte Partei, die sich dann zu einer linksradikalen, sozialistischen Partei entwickelt hat und natürlich bedingt durch ihre kommunistische Liebschaft mit Moskau in der SI nicht vertreten war. Übrigens die ganzen Kibbuzim, die von den Palästinensern attackiert worden sind im Oktober vor 2 Jahren, das waren lauter Mapam Kibbuzim. Das waren lauter südamerikanische Linke, die nach dem Sechstagekrieg nach Israel eingewandert sind, da kam eine ganze Welle und das waren lauter radikale Linke. Und die wollten eine Aussöhnung mit den Palästinensern. Und ich habe übrigens einige Leute, die die Palästinenser in Gaza dann umgebracht haben, ja gekannt, weil sie aktive Journalisten in der Mapam-Zeitung waren, mit denen ich ja auch zusammengearbeitet habe. Und die Mapam wäre gerne in der SI gewesen und aufgenommen worden, weil sie der Ansicht waren, und ich auch, dass die SI wissen sollte, dass es in Israel eine wirklich linke Bewegung gibt, die eine Aussöhnung mit den Palästinensern will. Und eines Tages saß ich mit dem Elazar Granot, das war einer der führenden Funktionäre der Mapam bei mir zu Hause und wir haben darüber diskutiert und ich sage zu ihm: "Weißt du was, ich rufe den Kreisky an und werde ihn fragen, ob es nicht möglich ist, dass du zu ihm nach Wien fährst und ihm das erklärst und damit er euch in die SI aufnimmt.“ Und ich rufe den Bruno Kreisky an und sage, Herr Bundeskanzler, ich sitze hier mit einem Vertreter der Mapam, das ist die radikal linke Partei in Israel, die immer einen Frieden mit den Palästinensern wollte und die bis heute nicht in der SI ist. Ach so, aha. Na ja, was wollen die denn? Die wollen in die SI aufgenommen werden, vielleicht könnten sie da helfen. Zwei Tage später ist der Elazar Granot bei Kreisky in Wien gesessen und eine Woche später still und leise waren Willy Brandt, Olaf Palme und [François] Mitterrand vom Kreisky verhabert, dass die Mapam der SI beitreten wird und ein Mitglied wird. Der Peres hat von nichts gewusst und war entsetzt, wie er plötzlich hört, dass die Partei, die er nie wollte und die immer alles gesagt haben, was er nie gesagt hat, dass die jetzt mit ihm in der SI sitzen. Also das war meine Beziehung zur SI, damals war die SI noch wichtig, wir haben in Österreich auch einige Gewerkschaftsfunktionäre gehabt, die in der SI mit involviert waren und ich war recht gut informiert, was in der SI besprochen wurde, weil wann immer der Peres dann nach einem SI-Treffen in Lod gelandet ist, habe ich zugehört, wie er gelogen hat, und Dinge gesagt hat, die überhaupt nie in der SI besprochen worden sind.

Esther Anatone

Ein wichtiger Teil der SI oder Aufgaben waren ja auch die Fact-Finding-Missions. Wie bewerten Sie die?

Barbara Taufar

Da kann ich nichts sagen, da war ich nicht mehr, da war ich nicht mehr in Amt und Würden unter Anführungszeichen. Ich bin im Jahre 1974 im Außenamt eingetroffen und im Jahre 1975 nach Paris versetzt worden. Im Jahr 19-, pardon, 85. Also ich war 9 Jahre in Israel und im Jahre 1985, was dann später war, da bin ich nicht mehr zuständig.

Esther Anatone

Wir würden jetzt auch ein bisschen, also uns interessiert auch ihre Wahrnehmung eben wie Bruno Kreiskys Außenpolitik in Israel, aber vielleicht bewerten, können Sie auch andere Staaten, USA, Europa bewerten, wie schätzen Sie das ein?

Barbara Taufar

Nein, ich bewerte ungern.

Esther Anatone

Ihre Wahrnehmung ganz, also…

Barbara Taufar

Auch nicht wahr, ich nehme wahr, aber, das ist nicht mein Gebiet, diese Frage.

Esther Anatone

Wir haben – auch ein wichtiger Punkt und für Sie natürlich besonders sind die Rolle der Medien, die Pressearbeit und öffentliche Kommunikation. Welche Rolle spielte das für Kreisky und auch in der Umsetzung? Sie haben ja…

Barbara Taufar

Für Kreisky spielte das eine enorme Rolle. Der Kreisky war ja ein sehr emotionaler Mensch. Also kein zynischer Politiker, sondern ein wirklicher, ein wirklich emotionaler Politiker. Und unsere ganzen Presseberichte, die er jeden Tag in der Früh schon am Tisch hatte, wenn er ins Büro kam, waren ja sowas von schrecklich, muss man sagen, weil ja kaum, außer einige, außer eben die großen Berichte von Shaike Ben-Porat, der übrigens ein ehemaliger Wiener war, im Yedioth Ahronoth oder in der Jerusalem Post, es sind manchmal wunderbare Artikel über ihn und über seine Politik auch geschrieben worden. Das hat ihn sehr gefreut. Die israelischen Medien haben das alle mit Stirnrunzeln akzeptieren müssen, was da geschrieben wurde, aber ich würde sagen, 80% der Medien, wenn nicht mehr, waren negativ. Und das hat den Kreisky natürlich zur Weißglut gebracht, weil man ja auch ihn in Wirklichkeit beschimpft hat, trotz der guten Dinge, die er für dieses Land getan hat, indem er, indem er jüdische Menschen gerettet hat und nach Israel zurückgebracht hat. Und jüdischen Menschen, die Grenzen geöffnet hat aus Russland, damit sie nach Israel auswandern konnten. Das wurde ihm ja auch schlecht ausgelegt, indem man gesagt hat, er will, dass sie nach Amerika auswandern. Er hat es den Juden aus Russland ganz offen gelassen, wohin sie wollen. Das wurde hier alles immer verdreht. Und dazu muss ich aber sagen, dass man in Israel ein Problem hat mit jüdischen Politikern im Ausland. Es hat auch der [Henry] Kissinger ein großes Problem gehabt mit der Golda Meir und der Kreisky als jüdischer Politiker in Österreich mit Weltruf, weil die israelischen Politiker nicht einsehen, dass Juden auch ohne Zionismus Karriere machen können. Das ist ein Thema, das also tabu ist in der Politik. Es wird ganz grausam auch hier verfolgt, nämlich auch mit primitiven und vulgärsten Mitteln wird dagegen angefeindet. Und heute noch mehr wie früher. Heute ist jeder, geschweige denn er wäre Jude, aber jeder Mensch, der die Netanjahu oder die Rechtsregierung und die Faschisten in den besetzten Gebieten kritisiert, ist Antisemit und ein Feind Israels. Also das ist eine Perversion jeglicher ursprünglicher zionistischen Ideale, die die Gründerväter hatten, die dieses Land aufbauen wollten. In Frieden mit den Arabern leben wollten. Auch nicht alle, muss man ehrlicherweise dazu sagen, auch die Gründerväter waren nicht alle Friedensengel.

Maria Wirth

Vielleicht noch eine ergänzende Frage. Wurden Sie auch mit dem Ziel nach Israel geschickt, eine Art Imagepflege für Österreich zu machen? Sie haben ja vorhin erzählt, dass diese Position neu geschaffen wurde.

Barbara Taufar

Das war mein ganz persönliches Anliegen. Ich war jung und fesch, ich war sehr tüchtig. Ich habe alle Leute vom Premierminister an gekannt. Ich habe einen Salon geführt, wo also Politiker, Künstler, Wissenschaftler und Generäle zum gemeinsamen Abendessen gekommen sind. Das ist übrigens eine alte Wiener Tradition, einen Salon zu führen. Damals hätte ich gerne eine Ehefrau gehabt, die mir geholfen hätte, nicht, weil ich musste den Job machen in der Botschaft und dann noch das Ganze, den ganzen sozialen Bereich. Und ich wollte einfach mit meiner Arbeit und mit meinem, mit meiner Energie und mit meinem guten Willen und mit meiner Liebe für dieses Land, was alle Leute hier zur Kenntnis genommen haben… Ich wollte ein bisschen einen Ausgleich schaffen. Und das habe ich auf der anderen Seite auch mit dem Kreisky versucht. Ich war ja einige Male bei ihm eingeladen, auch schon wie er seine Bluttransfusionen hatte, bin ich zu ihm gekommen, wo er in diesem schrecklichen Stuhl saß und seine Infusion bekommen hat und ich saß vis-à-vis von ihm und es gab stundenlange heftige Diskussionen über Israels Zionismus und die Palästinenser und ich hab da natürlich ganz stark auch gegen Kreisky argumentiert. Das hat ihm gut gefallen, der hat Spaß daran gehabt und das waren derartig starke Diskussionen und lautstark, wenn 2 Juden miteinander streiten, ist es immer lautstark, dass der gute Arzt gesagt hat, also wenn das so weit geht, kann ich sie nicht mehr einladen, hierher zu kommen. Das hatte nichts genutzt. Ich wurde trotzdem eingeladen und bin wiedergekommen.

Esther Anatone

Sie haben jetzt eh schon wichtige Akteure erwähnt, wenn wir zu unserem nächsten und abschließenden Themenbereich kommen, der informellen Diplomatie. Da spielen eben auch Künstler, Wissenschaftler eine große Rolle. Welche Bedeutung und auch Ihr Salon, Ihre sozialen Kontakte natürlich auch. Welche Bedeutung hatten denn persönliche Kontakte, informelle Gespräche, diese Netzwerke im Kontext der Nahostpolitik und für Kreisky auch für Sie?

Barbara Taufar

Also ich hatte, weil ich eben Journalistin war, das war meine Karriere, ich bin seit dem Jahre 1960 bis zur bis knapp bevor ich nach Israel ging, als Journalistin tätig gewesen, bei vielen Zeitungen im In- und Ausland. Und Ich habe in Österreich natürlich ein sehr gutes Bekanntennetz aufgebaut von Freunden und Bekannten, viele Künstler natürlich und Wissenschaftler und Politiker und ich habe dann davon natürlich Gebrauch gemacht, wie ich in Israel war. Die haben alle gewusst, die Taufar geht nach Tel Aviv und die Taufar hat gern eingeladen und Gott sei Dank. Ich habe nie eine Ablehnung bekommen, wenn ich gebeten habe, den oder den oder die oder die einzuladen. Ich habe viele, viele, viele Ausstellungen organisiert. Ich habe Lesungen, Theaterstücke organisiert, Peter Handke, Wolfgang Bauer, damals in den [19]70er Jahren, sind die ja alle von der deutschen Botschaft quasi als Deutsche also inhaliert worden. Das war für mich unmöglich. Also ich habe alles, was nur möglich war, getan, um Österreich wieder als unabhängig von Deutschland, als Kulturnation und auch als political entity unter Kreisky als einmaliges Entity in Europa darzustellen. Und natürlich mit einer Verve, mit einem Enthusiasmus und nachdem die Israelis, so wie ich auch, sehr emotional sind und auf Zuneigung sehr reagieren, auch auf Ablehnung, wie man siehe Kreisky weiß, hab ich versucht, da immer wieder einen Ausgleich mit meiner Persönlichkeit zu schaffen. Ich hab einmal einen Botschafter gehabt, dem die Geduld gerissen ist, dann mit den ganzen Attacken auf Israel und ich hatte gerade wieder, ich weiß nicht, irgendjemanden wichtigen eingeladen für einen, ich glaub für ein, für ein Symposium an den Uni. Ich hab immer alle Universitäten abgeklappert mit meinen Symposien und der hat gesagt, Sie tun viel zu viel für die Israelis, „they are not worth it“, also sie verdienen das gar nicht, weil er so verärgert war über die Reaktion gegen Kreisky. Ich hab versucht das zu trennen mit meinen Kontakten mit den Journalisten, auch mit Schauspielern, mit Malern, mit den Museumsleuten, vor allem aber auch mit den Professoren an den drei großen Universitäten. Und da muss ich sagen, das hat ganz gut funktioniert. Und der Kreisky wusste davon, weil natürlich ja die Leute, die ich hier gehabt habe, ihm brav berichtet haben, wie es in Israel war. Die waren ja teilweise selber mit dem Kreisky bekannt, nicht? Der Kreisky hat ja auch diese Leute alle in Österreich frequentiert.

Esther Anatone

Wie schätzen Sie dann den Einfluss auf die österreichische Außenpolitik ein durch diese informellen Netzwerke, Veranstaltungen?

Barbara Taufar

Es gab damals nur einen Einfluss und überhaupt nur ein Thema und das war Kreisky. Es gab kein anderes Thema. Das Außenamt hat über den Botschafter mit dem Außenamt in Jerusalem agiert. Ich hab mit Diplomaten in Jerusalem überhaupt keine Beziehung gehabt, auch nicht mit dem diplomatischen Corps in Tel Aviv. Ich kann mich erinnern, nach eineinhalb Jahren hat sich plötzlich der amerikanische und der deutsche Presserat mit mir treffen wollen. Also bin ich brav zu einem Mittagessen mit den beiden Herren gegangen und die haben mir ganz offen gesagt, liebe Barbara, you are here for one and a half years, you know everyone and everything. Couldn't we meet each other once a month and exchange the news? Worauf ich Ihnen gesagt hab, meine Herren ich spionier für Bundeskanzler Kreisky, aber nicht für Sie. Das war in Wirklichkeit ganz einfach. Es war mir schon klar, wo ich bin, nicht? Und wer was von mir will oder nicht. Damals gab es keine russische Botschaft in Tel Aviv. Die Rumänen haben für die Russen gearbeitet. Na, wie der rumänische Presseattaché zu mir gekommen ist, gleich nach einem halben Jahr, wo ich hier war und gefragt hat, kannst du mir sagen, mein Botschafter schickt mich – auch schon klug. Mein Botschafter schickt mich, kannst du mir sagen, wie es dem Jigal Allon, der war damals der israelische Außenminister, mit dem ich einen sehr guten Kontakt hatte und auch mit seiner Familie in Kibbuz, wie weit der wirklich todkrank ist. Darauf habe ich dem Herrn gesagt, lieber Herr, wenn ich das wüsste, würde ich Moskau direkt informieren. Er war natürlich wahnsinnig beleidigt und ich habe ihn wirklich rausgeschmissen aus meinem Büro. Ich bin dann zu meiner Botschafterin gegangen, das war die Frau Botschafter [Johanna] Nestor. Ich habe mit meiner Botschafterin, also mit Frauen, immer ein großes Glück gehabt, eine große Harmonie und ich habe gesagt: "Weißt du Johanna, das und das ist passiert?" Darauf hat sie nur gelacht und hat gesagt: "Na, jetzt wirst du beim CIA und beim KGB sofort einen Akt bekommen." So war die Situation hier. Ich war ein für alle Teile sehr ungewöhnliches Wesen, nicht? Und die Leute haben entweder sich darüber amüsiert, erfreut oder sie haben Akten geschrieben. Das war mir völlig egal, weil ich hab mich ja daran gehalten, was der Kreisky mir gesagt hat, man soll immer die Wahrheit sagen. Und das hab ich getan, auch Ihnen gegenüber.

Esther Anatone

Das heißt, sie hatten eigentlich auch in Ihrer Position besonderes Potenzial, dass auch über also über normale offizielle Diplomatie noch weiter auszubauen und…

Barbara Taufar

Absolut. Der Zubin Mehta hat einmal sehr frisch und fröhlich gesagt zu jemanden, aber das ist die Barbara, die der Botschafter ist. Das hat mich zwar sehr gefreut, aber das stimmt nicht. Denn wenn es um Außenpolitik geht, ich meine jetzt nicht um geheime Außenpolitik, die der Kreisky geheim über welche Kanäle macht, aber über offizielle Außenpolitik geht, dann geht das übers Außenamt und den Botschafter. Damit habe ich überhaupt nichts zu tun.

Esther Anatone

Aber es ist trotzdem eine Art, also eine Art Zusammenspiel von diesen offiziellen Kanälen und inoffiziellen Kanälen. Wie schätzen Sie das ein, haben die…

Barbara Taufar

Also die offiziellen Kanäle in Wien genauso wie ein Botschafter hier, waren eher eifersüchtig auf meinen Erfolg. Das muss ich leider sagen und das war nicht immer angenehm. Und zwar nicht, weil ich es nicht ausgehalten hätte, aber dann wie Kreisky nicht mehr da war und Sinowatz alle Kreisky-Leute des Amtes, wenn sie so wollen, enthoben hat. Da habe ich im Außenamt einige Monate verbracht und das war eher ein Spießrutenlauf an Unfreundlichkeiten und an Gehässigkeiten. Diplomatie hin oder her. Aber Diplomaten können auch gehässig sein.

Maria Wirth

Sie haben gerade ausgeführt, dass sie eine unkonventionelle Besetzung waren.

Barbara Taufar

Ja.

Maria Wirth

Gibt es noch mehrere solche Beispiele oder…

Barbara Taufar

Das weiß ich nicht. Damals für so einen, für so einen schwierigen Posten, hat mich der Kreisky hierher geschickt. Also und Israel war damals wahrscheinlich das A und O der kreisky'schen Politik, weil es ein Teil seiner Nahost Politik war, wo weder die Russen noch die Amerikaner sich erklären konnten, was macht der eigentlich. Das muss man auch sagen, nicht, weder die Russen noch die Amerikaner waren damals wirklich involviert in israelisch-palästinensische Politik. Das hat dann erst viel später begonnen.

Esther Anatone

Wir sind damit ans Ende von unserem Fragenkatalog gekommen. Und möchten Sie abschließend noch fragen, ob es etwas gibt, das wir vergessen haben, das Sie noch ergänzen möchten, ob Sie noch bestimmte Ereignisse haben, die Sie gut in Erinnerung haben? Möchten Sie noch etwas ergänzen?

Barbara Taufar

Nein, eigentlich nicht. Also, ich habe meine Autobiografie ja schon geschrieben. Ich habe eigentlich nichts mehr dazu zu sagen. Außer ich natürlich, und das ist sehr wichtig, allein hätte ich das alles nie schaffen können. Ich habe viel Unterstützung aus dem Büro Kreiskys erhalten, aus allen Leuten, die dort waren. Ob das meine Freundin Margit Schmidt war oder der Jo [Johannes] Kunz oder alle anderen, die dann später dort waren, wir waren wirklich ein Team und wir haben gewusst, wir können uns aufeinander verlassen. Und sind heute wahrscheinlich alle sehr traurig, dass nichts draus geworden ist.

Esther Anatone

Gut, dann danken wir an dieser Stelle für das Interview.


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