Interview mit Hans BENEDIKTER

am 17. Juli 2013 in St. Pauls/Eppan mit Sabine Schweitzer. Transkription Peter Wackerlig

Schweitzer

Sie haben eh schon ein Stichwort geliefert. Ich hab gemerkt, wie ich mir das Transkript durchgelesen hab, dass …

Benedikter

Und da sind Sie nicht, ah, verzweifelt gewesen?

Schweitzer

Nein gar nicht, also ich fand es sehr spannend.

Benedikter

Ja, aber ich mein, dass, wie man es früher so schön gesagt hat, Kraut und Rüben und alles durcheinander geraten. Eine Lebensgeschichte über Prettau und über Seitenstetten und übern Mock und über Kreisky und übers Parlament und über Leute, die man kennen gelernt hat und so weiter. Aber, dass Sie's überlebt haben, ist großartig.

Schweitzer

Man hat auch so seine Fähigkeiten, die man sich angeeignet hat, wie man das dann, mit dem arbeiten kann.

Benedikter

Ich hab einmal einen albanischen Häftling kennen gelernt, der später dann stellvertretender Ministerpräsident geworden ist, und sich für den Eurokommunismus sehr interessiert hat, und deswegen zu diesen ganzen Tagungen gekommen ist, die ich dann mit dem Leonhard und mit vielen anderen zusammen absolvieren musste, und der hat ein Buch geschrieben, und da hat mir der Titel so imponiert. "Ich schrieb, und ich habe überlebt." Denn er hat mir dann, ich hab mich mit ihm lang unterhalten, hat er mir gesagt, wenn ich nicht die Möglichkeit gehabt hätte zu schreiben, und die Schwierigkeit war ein Papier zu kriegen, oder irgendetwas, was man halt beschreiben könnte, und einen Bleistift und so, net, weil es war finsterste Hoxha-Zeit, Enver Hoxha, net. Und er gesagt, wenn ich nicht hätt schreiben können, dann wäre ich entweder irrsinnig geworden, oder ich hätt es psychisch nicht ausgehalten und wär gestorben, net. Und deswegen ist der Titel so gut gewählt, der ist so einfach der Titel "Ich habe geschrieben und ich habe überlebt."

Schweitzer

Wunderbar, na das ist wirklich sehr schön. Na ich hab gemerkt, dass ich mich ein wenig schwer tu, mir tatsächlich diese Situation in Südtirol in den Sechziger- und Siebzigerjahren vorzustellen. Das ganze Klima, wie es hier geherrscht hat, und hab ich mir gedacht, eigentlich würde ich Sie gern heute vor allem dazu fragen, dass Sie mir vielleicht dazu mehr schildern können, damit ich mir das auch besser vorstellen kann. Weil ich kenn Südtirol eigentlich bewusst natürlich aus den späten Siebziger- oder Achtzigerjahren. Und ich weiß nicht, vielleicht würde ich ganz gern damit anfangen, wie Sie nach Südtirol aus Wien zurückgekommen sind und als Pressereferent angefangen haben. Wie war das damals für Sie?

Benedikter

Für mich war es auch eine total unbekannte Welt, weil ich ja gar nicht zurück wollte, sondern in Wien bleiben wollte. Und von der Großstadt, die damals liberal geprägt war, liberaler als sie heute ist, der Sprung in diese kleine enge Welt war groß. Ich hab Südtirol so erlebt, dass ich nach Bozen gekommen bin und zu meinem Erstaunen und Entsetzen eigentlich bemerkt hab, dass in unserer Landeshauptstadt wir überhaupt nicht mehr daheim sind, also dass das eine italienische Stadt ist, mit einem kleinen noch ein bissel deutsch geprägten Zentrum, und alles Andere ist einem fremd, und die Italiener waren so und sind bis heute so dominant, dass wir von der eigenen Haupt-, vom eigenen Hauptort unserer, unseres kleinen Landes eigentlich nur unter Anführungszeichen reden können, weil wir da nicht daheim sind. Wir fühlen uns auch nicht daheim. Und das war das erste, das waren eigentlich die ersten Eindrücke. Der zweite Eindruck war, dass sich bei mir immer mehr, vielleicht auch durch meine weltoffene Ausrichtung, der Eindruck geprägt hat, wir sind eine Kolonie, wirklich eine Kolonie. Ich hab später auch darüber geschrieben, und sehr zum Entsetzen vieler Leute, und hab geschrieben, Italien behandelt Südtirol, natürlich vor dem Autonomiestatut, wie eine Kolonie, denn alle Resolutionen und alle Begriffsdeutungen der Vereinten Nationen und der internationalen Gremien werden voll erfüllt. Und hab dann auch ganz genau nachzuweisen versucht, warum das der Fall ist, net. Man hat im eigenen Land keine Fahrkarte auf Deutsch bestellen können, [???] in Italia hat es geheißen, net. Und man ist wirklich zum Teil als Staatsbürger zweiter Klasse behandelt worden. Und vor allem hat man, wie soll ich denn sagen, ein Ausmaß an Arroganz, gemischt zum Teil mit Überheblichkeit, was ja dasselbe ist, und Verachtung gespürt. Und das war nicht nur Einbildung, sondern man ist bei den öffentlichen Ämtern, und das war ja alles in italienischer Hand, alles, net, und das ist ja gerade im Sinne der Vereinten Nationen kolonial. Ich meine, wenn man im eigenen Land von fremden Autoritäten und Behörden regiert, schikaniert und in einer Art und Weise behandelt wird, dass man sich nicht mehr daheim fühlt im eigenen Land. Und dann waren sofort, also ich bin zurück gekommen, wie die erste Anschlagswelle vorüber war, das heißt ich hab's zum Teil noch live erlebt, aber da waren die Eindrücke noch zu frisch, um sie verarbeiten zu können. Ich hab dann für die Südtiroler Volkspartei, mit der ich nichts am Hut gehabt damals, und die ich nur gekannt hab, und etwas Anderes hat es nicht gegeben. Dann hab ich ein paar Leute kennen gelernt, Dietl, Brugger und die haben mich bald sehr nett und in sehr liebenswürdiger Weise als gleichberechtigt akzeptiert und aufgenommen, und über sie hab ich dann einen ehrenamtlichen Auftrag gekriegt, diese ganzen Misshandlungen zu bearbeiten, das war meine erste Arbeit. Und das waren so die ersten Eindrücke. Bombenanschläge, ungeheuer viel Polizei, ungeheuer viel Übergriffe. Und zwar hab ich ja damals für die Südtiroler Nachrichten gestaltet und da zum Beispiel in Tesselberg draußen im Pustertal, da ist ja ein Dorf praktisch behandelt worden, wie die Franzosen in Algerein vorgegangen sind in diesen Bergdörfern.

Schweitzer

Weil man denen vorgeworfen hat, sie sind Unterstützer von der BAS?

Benedikter

Ja, aber sie haben sich aufgeführt, also Kolonialmacht oder Besatzungsmacht ist noch ein milder Ausdruck, wirklich, also wirklich, richtig Häuser gestürmt und verwüstet, also schrecklich war so etwas. Und über diese Dinge hab ich geschrieben und ich bin trotzdem froh, dass ich, das sehe ich heute als Privileg an, nie eine antiitalienische Grundhaltung gewonnen hab, weil ich immer unterschieden habe zwischen der Staatsmacht und den vielen netten, gebildeten, kulturell hoch stehenden Menschen. Und wenn Sie bedenken, dass damals schon der Indro Montanelli, diese Ikone, geschrieben hat, ja was hat da eigentlich Italien in Südtirol zu suchen, und angefeindet, aber er war so groß, dass man sich an ihn nicht herangetraut hat. Aber das waren eben, dann sind bald einmal die Kontakte mit dem Claus Gatterer vertieft worden. Er ist oft herein gekommen, dann hab ich mit großer Freude sein Buch gelesen, der Freund stand links, über die Rolle de italienischen Sozialdemokraten vor dem Faschismus und während der Zeit des Faschismus. Und ich hab damals das Glück gehabt im Pressebüro, das ich selber aufgebaut hab, schalten und walten zu können, wie ich eigentlich wollte. Und um ganz ehrlich zu sein, ich hab diese Freiheit schändlich missbraucht, also aus heutiger Sicht muss ich sagen, also der Dr. Magnago war wirklich ein großzügiger und liberaler Mensch, weil ich selber hätt mich zwanzig Mal ausseghaut, weil ich hab als sein direkt Untergebener, also, ich hab sein Vertrauen nie missbraucht, muss ich sagen, aber ich hab das getan, was ihm seine Freunde immer kolportiert haben, ich hab in seinem Vorzimmer praktisch, sozusagen, gegen das Paket Propaganda gemacht. Ich hab zwar alles geschildert, positiv, negativ und so weiter, also nach außen hin wertneutral, aber hab dann bestimmte Meinungen einfließen lassen und die Schwergewichte ein bissel auch verändert aus meiner Sicht, net, ich hab nur meine Überzeugung wiedergegeben, net. Aber es war sagen wir ein klassischer Missbrauch der Meinungsfreiheit, wenn man es ganz genau nimmt. Und da hab ich auch ganz interessante Leute kennen gelernt, vor allem die, einen Großteil der österreichischen Journalisten, die rein gekommen sind und die gewohnt waren, ich geh zum Presseamt, weil das war natürlich. Ich war nicht auf den Mund gefallen und hab sie herumgeführt, hab ihnen die ganzen faschistischen Denkmäler gezeigt, haben sie gesagt, das gibt es ja nicht, dass man da nur italienisch spricht. Hab ich gesagt: "Gut, kommen Sie bitte mit", mit einigen war ich per Du mit anderen per Sie. Und dann hab ich irgendetwas deutsch bestellt, [???] in Italia hat die Standardantwort … Und das hat zum Beispiel die Süddeutsche, die vorher sehr distanziert war, da war ein gewisser Manfred von Conta, der ist dann nach Brasilien gegangen, in Rio de Janeiro war er Sonderkorrespondent und was weiß Gott. Und der hat durch diese Besuche den Kurs der Süddeutschen, die Welt haben wir sowieso auf unserer Seite gehabt, mit der Frankfurter hab ich dann eigene gute Kontakte aufbauen können über den Reißmüller, über einen der Herausgeber, der damals sehr viel Einfluss gehabt hat. Und dadurch hat sich, haben sich die großen Zeitungen im deutschen Sprachraum langsam von dieser, ja was wollen Sie denn, die Italiener sind ja so nette Leute, und so guter Wein und alles, und die Toskana und so weiter. So ungefähr, so war die Mentalität. Und dann haben sie sehr kritisch berichtet und das hat Rom sehr, sehr gestört. Weil alles was aus Deutschland gekommen ist, ist fünf Mal wichtiger genommen worden, als das was aus Österreich gekommen ist, weil man gesagt hat, dass Österreich dieser verlorenen schönen Provinz, wie sie es nennen, wir sagen Land, nachtrauern, und dass man sie gern wieder haben möchte und so weiter, das ist verständlich und, und. Aber sagen wir Österreich hat außer unter Kreisky, und das hat nichts mit dem Archiv zu tun, sondern wirklich mit seiner historischen Rolle, hat's eigentlich kaum jemals eine richtig bedeutsame Rolle auf der europäischen Bühne gespielt und auf der internationalen sowieso nicht. Und Kreisky war die große Ausnahme, und den haben sie auch sehr ernst genommen, sehr, sehr ernst genommen, und das weiß man ja. Und um die Zeit noch näher zu beschreiben, ich hab live erlebt, wie immer mehr Italiener zugewandert sind, net, und zwar nicht, weil sie unbedingt kommen wollten, sondern sie sind dazu ermuntert worden mit vielen, mit Steuervorteilen, mit Vorteilen, dass für sie ganze Häuserblocks, also ganze Wohnbauzonen gebaut worden sind. Und deswegen war das heute merkwürdig klingende Wort von Kanonikus Gamper, dass das Volk auf dem Todesmarsch ist, wirklich berechtigt. Denn wir haben, wir haben uns statistisch eigentlich ausrechnen können, nach so und so vielen Jahren sind wir in Minderheit, wenn es so weitergeht. Und das hat auch zu dieser Radikalisierung beigetragen, entscheidend beigetragen. Und das sind die Jahre eigentlich gewesen, die mich da im Land, das waren die ersten Eindrücke, die haben mich im Land geprägt. Ich hab dann die große Versammlung, die großen Kundgebungen, nicht in Sigmundskron, mitgemacht, sondern die viel wichtigeren. Wie die, wie der Amplatz zum Beispiel begraben worden ist, oder der Kerschbaumer begraben worden ist, das waren Demonstrationen, wo ein ganzes Volk, indem es hinter dem Sarg hergegangen ist, zu Tausenden und Tausenden, gesagt hat, wir sind nicht einverstanden. Und das waren die Kundgebungen, die einen viel größeren und wichtigeren Stellenwert haben, als jede politische Großkundgebung, das ist überhaupt keine Frage, net. Auch wenn die vielleicht mehr beachtet worden ist. Und ...

Schweitzer

Darf ich da ganz kurz nachhaken? [Benedikter: Gern.] Weil Sie jetzt gerade gesagt haben sowohl Amplatz als auch Kerschbaumer-Beerdigung, wie ist das dann von Seiten Italiens oder von den italienischen Medien aufgefasst worden? Weil Sie grad auch gesagt haben, es ist vielleicht nicht so wahrgenommen …

Benedikter

Fassungslos, fassungslos. Ich kann mich erinnern, dieser Trauerzug, grad beim Amplatz, der war x Kilometer lang, mit den ganzen Fahnen und Trachten und den Schützen und diesen Fahnen von 1809 teilweise noch. Da hat ein Mann, den ich überhaupt nicht mag, weil er einer der großen Intriganten ist, der Busek, einen Artikel geschrieben, der für mich in seiner Art ein großes oder kleines Meisterwerk ist. Ich glaub der Titel war "Ein Begräbnis in Tirol" oder so, und da hat er geschrieben, Begräbnisse, die einem in Erinnerung bleiben gibt es viele und überall auf der Welt, aber wenn in Tirol jemand, der mit der Bevölkerung verbunden war, und dem die Bevölkerung zeigen will, wie sehr sie ihn geachtet hat, begraben hat, dann ist es etwas Anderes, weil da ein Stück Herz mit dabei ist. Weil da im Trommelwirbel und mit den alten Uniformen und Fahnen ein ganzes Stück der Österreichischen Monarchie noch mitgeht und mitschwingt. Ein wunderbarer Artikel, sonst, wie gesagt, mag ich ihn überhaupt nicht, weil er immer wirklich ein gescheiter, aber ein ganz ein großer Intrigant war und ein übler Mann, aber auf die ÖVP bezogen Gott sei Dank. Und die Italiener waren fassungslos und haben gemeint, sie könnten in der üblichen Form, wie es eben bei ihnen der Fall ist, der Magnago hat einmal gesagt fünf Italiener - sechs Parteien, und so ist es ja heute in Bozen und nach wie vor, ich meine, haben versucht einmal einen Keil in diesen Block zu treiben. Das ist ihnen gründlich misslungen, sie haben den Landessekretär der Partei verhaftet, und jeder hat Angst haben müssen, wenn er in der Partei eine Funktion gehabt hat, also dass er von heute auf morgen verhaftet wird, oder so eine Hausdurchsuchung bei ihm um 4 in der Früh gemacht wird und so weiter. Und ich hab Ihnen auch damals erzählt, ich bin von der Partei bald einmal, das war so zwischen 1965, 1964 und 1970 ungefähr in der Zeit, Sie wissen ja, dass ich Schwierigkeiten hab, die Dinge ein bissel zeitlich genau einzugrenzen, da bin ich viel herumgeschickt worden nach Innsbruck, wo die Frau Dr. Stadlmayer war, und die Tiroler Landesregierung hat uns wirklich immens unterstützt. Und einer der Hauptvorwürfe an die eigene Partei war von mir immer der, und ist auch so geblieben, auch wenn es längst nicht mehr meine Partei ist, dass man gern die Hand aufgehalten hat und danke gesagt hat, und dann war es vergessen. Und ich hab gesagt, die Not war groß, aber die Undankbarkeit war ebenso groß. Weil wenn ich daran denk, welche Opfer Österreich gebracht hat, EU, wo immer Italien das Veto eingelegt hat und so weiter. Also richtig große, nicht nur ideelle sondern materielle Opfer, also gigantische Opfer, wenn man es genau nimmt. Und damals da ist der ASGB auch gegründet worden, diese, und der hat ja kein Geld gehabt. Dann bin ich hinaus nach Deutschland und da war die FDP, die noch ziemlich mit Kriegsveteranen besetzt war, aber mein Gott. Es ist, Sie werden mir glauben, wenn heute, ich hab Leute kennen gelernt, unter anderen auch den Peter, den ich sehr geachtet habe und auch sehr mögen hab, auch wenn uns Welten getrennt haben. Weil ich war immer links, werd immer links sein und hoffe auch, dass ich mit dem Herzen, dass mir das Herzen nicht verrutscht. Und ich hab immer große Achtung gehabt vor Leuten, die gesagt haben, ja, ich war dabei, ich hoff, dass ich mich nicht persönlich schuldig gemacht hab, und manche haben auch richtig gesagt, wer war eigentlich nicht dabei. Weil das Verlogenste überhaupt war damals in Österreich der Fall. Weil ich hab einen häretischen Artikel einmal in den Südtiroler Nachrichten geschrieben, das Foto Hitler auf dem Heldenplatz, mit der halben Million Menschen, es gibt ja Zahlen, die weit über die halbe Million hinaus gehen, aber es dürfte realistisch sein, halt von einer halben Million Menschen, die gejohlt und gebrüllt und die Kinder hoch gehalten haben und so weiter, und hab geschrieben, es fällt schwer in dieser Menge Gegner des Nazismus zu entdecken. Und wenn man den Einmarsch von der Grenze bis Wien verfolgt, nur jubelnde Volksmassen und so weiter, das ist halt auch so gewesen. Und die zweite Methode, ja und, der damalige deutsche Vizekanzler war ein ehemaliger Wehrmachtsoffizier ein hoher, aber soweit ich dann hab ganz im kleinen Stil ein bissel über ihn recherchieren können, also persönlich glaub ich sauber. Und der hat gesagt: "Sie wissen schon, dass die Deutsche Bundesregierung also absolut nichts damit zu tun haben will und darf und kann und soll, aber ich weiß, was es bedeutet, weil ich selber aus einer Minderheit stamme", ich glaube er war Schlesiendeutscher oder so, und hat mir wirklich einen Koffer mit Geld ausgehändigt, und mit dem bin ich heil über die Grenze gekommen. Aber ich kann Ihnen sagen, so Angst hab ich noch nie in meinem Leben gehabt, nie in meinem Leben gehabt. Und dann offenbar hat es ja auch bei uns, wie es nicht anders möglich war, Leute gegeben, die mit dem italienischen Geheimdienst oder mit irgendwelchen amtlichen Stellen zusammen gearbeitet haben. Von einem Moment zum anderen, das hat mit Bonn nichts zu tun gehabt, aber von einem Moment zum den anderen war ich auf der Schwarzen Liste, und bin dann regelmäßig aus jedem Zug herausgeholt worden. Und wirklich in einer, also schikaniert, gedemütigt worden, also in einer Art und Weise, das kann man sich gar nicht vorstellen. Und das sind so die ersten Erinnerungen, damals hab ich, sagen wir, verstanden, dass sich eine Volksgruppe, wenn sie nicht sich assimilieren lassen will, oder assimiliert werden will, wie der Elsass und viele andere Gegenden, dass sie sich wehren muss. Nicht mit Gewalt, sondern durch passive Resistenz. Und diese Überzeugung hat sich eigentlich bei mir bis heute total gefestigt. Und zwar nicht passive Resistenz in einer feindseligen Abwehrhaltung, sondern dass man nur das Recht betont, dass man in der eigenen Heimat das Recht haben muss und notfalls auch erkämpfen muss, die eigene Identität zum Ausdruck zu bringen. Und aus dem Grund sind diese Fragen ja so wichtig, auch wenn sie heute leider Gottes nur mehr von Randgruppen vertreten werden, weil die Tagespolitik, mein Gott, die ist so wie das Wetter. Ich meine, etwas kann sich gut entwickeln, etwas kann sich schlecht entwickeln, wer weiß es? Ich meine ich sprich niemand den Willen zu, absichtlich etwas falsch machen zu wollen, um Gottes Willen, wenn nicht irgendwelche korrupte Banden mit am Werk sind und Seilschaften und so weiter, was leider Gottes bei uns auch der Fall ist, net. Vor allem Seilschaften und so, net, ich mein. Ich wollt Ihnen noch das eine sagen wegen Universität, weil's mir entfallen ist, weil es auch wichtig ist, weil es ja so viele Kämpfe darum gegeben hat.

Benedikter

Die Universität in Bozen war insofern ein Bruch mit, nicht nur mit Tradition, nicht nur mit Zielsetzungen, weil wir ja immer unisono gesagt haben, geistig und kulturell soll diese Einheit, muss diese Einheit gewahrt werden. Und da ist zum ersten Mal auch eine große Nabelschnur, geistig, kulturell zerschnitten worden, weil wenn man 10 oder 15 Prozent dieser Gelder in Innsbruck zur Verfügung gestellt hätte, hätte man so viel ausbauen können und so viel daraus machen können. Und wir hätten unglaublich viel profitiert und gleichzeitig eine Kleinigkeit zurückgeben können, was wir in Übermaß an Solidarität und Großzügigkeit gekriegt haben. Und dass sie, dass die Universität Bozen irgendwo ein Zwitter geblieben ist, merkt man ja daran, dass man für Leute, die einigermaßen gut sind, bis zum Zehnfachen der Vergütungen zahlen muss, wie sie in Innsbruck und an anderen Universitäten gezahlt werden oder wird. Sonst kommen sie nicht aus Marburg oder von irgendwo. Das heißt, irgendwo kann das Ganze nicht so überzeugend sein, wie es dargestellt wird, sonst wäre man zu diesen Notlösungen und Kunstgriffen ja nicht gezwungen. Und das was schad ist, ist dass auch etwas, weil ich mein, eine große Dependance der Universität Innsbruck in Bozen errichtet hätte, großartig, großartig, net. Innsbruck hätte entlastet werden können, viele Innsbrucker, viele Studenten der Innsbrucker Universität oder anderer österreichischer Universitäten hätten in Bozen bestimmte Fächer studieren können, hätten zugleich die Landschaft kennen lernen können, ein Stück Italien. Aber da ist vieles aus Kurzsichtigkeit eben vermurkst worden, weil man einfach gemeint hat, ein kleines Land muss alles selber haben. Also man wollte eine eigene, ich hab es Ihnen ja erzählt, Rodlerding, -trainingspiste, ich meine, und alles wollte man selber machen, net. Es ist Gott sei Dank so, und an das denkt man ja nie, wenn man über Oppositionsparteien redet oder über die Opposition innerhalb von Parteien redet, die meistens einen harten Stand hat, dass deren eigentliches Wirken und deren eigentliche Güte darin besteht, vieles zu verhindern. Weil sonst hätt man dergleichen noch einen langen Rattenschwanz mehr erlebt. Und dann die Zeit, mein Gott, so hat sich auch, so haben sich auch, zum Beispiel durch die Misshandlungen, mit denen habe ich direkt zwei Mal Berührungspunkte gehabt, drei Mal eigentlich Berührungspunkte gehabt. Das erste Mal durch diese Dokumentation, die ich zusammengestellt hab, und die wirklich auch heute noch glaub ich zum Erschütternsten gehört, was man lesen kann, weil man hat wirklich in einem Land, wo der große Beccaria Maßstäbe gesetzt hat in einer sehr dunklen Zeit. Und diesen Mann würd ich ja in jeder größeren oder kleineren Stadt ein Denkmal bauen, weil das sind die, die großen Geister, die eigentlich das Dunkel der Welt erleuchten, die, die Folterungen, die Misshandlungen, die Erniedrigungen, die Einschüchterung, all das, was so schrecklich ist, net. Und leider Gottes war damals wie heute, heut ist es nicht besser, es so, dass die so genannte unabhängige italienische Justiz, die rein italienisch war, die Leute, die als Folterer entlarvt worden sind, deren Namen und deren Rang und genau, man hat alles gewusst über sie, sind befördert worden. Die sind befördert worden, so wie es halt heute, mein Gott man. Mei, ich denk an den armen Teufel, den man in der Zelle vergessen hat, ich mein. Und das wäre wahrscheinlich zur Zeit von Joseph II. kaum möglich gewesen. Und das zweite Mal, da bin ich zum Dr. Magnago gerufen worden, und da har er mir einen langen Vortrag gehalten, was soll ich tun und ich kann nicht, und wir dürfen den Weg nicht einschlagen und so weiter und so weiter. Das brauch ich nicht alles wiederholen, weil ich bin ja in seiner Tradition, dass ich auch über Gott und die Welt und den Weltuntergang und den Sonnenaufgang zugleich reden will, also das weiß ich sehr wohl. Dafür ist niemand vor Langeweile vom Stuhl gefallen, was auch ein Vorteil ist, net. Und der hat mich eines Tages zu sich gerufen und hat mir eben diesen Vortrag gehalten, und dann macht er die Schublade auf und sagt: "Ja, da waren die Angehörigen von der Familie Walter da und haben mir das Hemd da gebracht, net, und das ist ja ein Skandal, wie man mit den armen Teufeln umgeht." Es war so ein weißes Hemd, blut-, also alles voller Blut, also schrecklich. Er hat gesagt: "Was soll ich denn tun?" Die Lage war wirklich völlig verzweifelt. Weil ich kann mich erinnern, ich hab ein Pressekommunique einmal gemacht, wo die Landesregierung einen Anschlag von Südtirolern, Österreichern und auch die Deutschen haben schon ein bissel ungut rechtsradikal mitgemischt, und da ist ein italienischer, glaub ich ein italienischer Soldat oder zwei erschossen worden. Aber die Umstände sind bis heute nicht ganz geklärt, aber es dürfte so sein, wie es gesagt worden ist. Und da ist der Vertreter von der DC gerade beim Magnago gewesen und hat sich das zeigen lassen und hat gesagt: "Ja Schweinerei, und immer nachher und immer nachher." Dann hab ich gesagt, der hat Berloffa geheißen, und ich gesagt: "Lieber Alcide", weil wir waren schon durch die Parteigremien bekannt, "was soll ich denn eigentlich tun? Mehr als verurteilen kann man es nicht. Wir haben keine direkten Einwirkungsmöglichkeiten auf diese Leute. Und man müsste sich einmal die Frage stellen, so sehr man das, Gewalt und Attentate verurteilt, wieso es zu diesen Dingen gekommen ist. Warum, wo sind die Ursachen, wo ist die Quelle dieser Entwicklung zu suchen?" Und das dritte Mal, das dritte Mal, und das hat mich dann wirklich sehr beeindruckt, weil es auch von einer langen geistigen Überarbeitung Magnagos zusammenhängt, war der, dass er mich einmal rufen hat lassen, da war ich längst schon nimmer bei ihm und war schon im Parlament, und da hat er gesagt, ja wie ich halt heute die Anschläge sehe? Dann hab ich gesagt: "Mein Gott", ich hab eigentlich im Großen und Ganzen die gleiche Meinung, die ich damals gehabt hab. Große Idealisten, große Utopisten, Leute die in der ersten Zelle ungeheuer naiv waren, weil das einfache Bauern waren, und die schwierigen Ding haben ohnedies Österreicher machen müssen, die den Sprengstoff her geschmuggelt haben und so weiter. Und jeder hat über jeden alles gewusst, und kaum haben sie zwei Leute gehabt und gefoltert, dann ist der ganze Ring aufgeflogen. Also es war auch nüchtern gesagt dilettantisch. Aber große Idealisten, und ich bin nach wie vor überzeugt", hab ich gesagt, "dass zwei Dinge ganz entscheidend zu dieser Bereitschaft überhaupt über Autonomie zu reden, beigetragen haben. Und zwar Kreiskys UNO-Vormarsch oder UNO-Initiative und diese große Berichterstattung in den Medien über die Gewalt einerseits, über die Repression andererseits und darüber, dass Italien uns wie eine Kolonie behandelt." Und dann hat er gesagt: "Ja, ich hab es halt verurteilt und so weiter, aber mir kommen schon auch jetzt, ich denk oft darüber nach, und wenn ich in der Nacht net schlafen kann, und so weiter." Na wirklich, bewunderungswürdig irgendwie. "Dann denk ich drüber nach und erinner mich an vieles und so weiter. Damals haben wir natürlich Angst haben müssen, ob wir nicht als Partei aufgelöst werden. Es waren ja Versuche dieser Art schon in den Schubladen parat und vorbereitet. Und meinen Sie, wenn ich das Ganze bei einer Landesversammlung das Ganze noch einmal in neuer Form bringe, dass das gut ankommen wird?" Hab ich gesagt: "Es gibt nichts, was besser ankommen würde. Weil wenn Sie als oberste moralische und politische Instanz sagen, wir haben manches vielleicht etwas zu kurzsichtig beurteilt, dann werden die Leute Ihnen nicht nur Beifall zollen, sondern Sie werden Ihnen im Herzen ein Denkmal bauen, weil das ein Akt der Reife ist, weil wenn man etwas einsieht, noch dazu in Ihrer Position, dann wird das als geradezu heroischer geistiger, politischer Akt gewertet." Das hat er dann gemacht, ich hab noch unten seine Anmerkungen alle, und hat eben gesagt also: "Die Gewalt war zu verurteilen, sie sind einen falschen Weg gegangen, aber sie haben in entscheidender Form …" und so weiter, net. Und das waren seine Originalworte, da hab ich nix mehr damit zu tun gehabt, das hat der selbständig, wirklich Satz für Satz, Satz für Satz gut durchgedacht formuliert, und das war so wie eine Art Testament. Und dadurch ist ein Teil der Südtirolgeschichte verarbeitet worden, zumindestens politisch. Und das war deshalb so wichtig, weil da durch diese Lagerbildung dafür - dagegen, Sympathie - Antipathie, Verräter - Kollaborateur und das alles ist ein bisschen begradigt worden, net. Und dann hat's die restliche Zeit, die haben wir ja schon im letzten Gespräch gestreift, das war dann bald einmal der Aufbau mit dieser, mit diesem Versuch, einen anderen Weg zu gehen, den politischen Weg weitgehend zu verlassen, um auf die wirtschaftliche Entwicklung zu setzen. Hat sich Gott sei Dank nicht durchgesetzt. Und die, die Kämpfe um die, bei den Südtirolkonferenzen und die Ablehnung Kreisky-Saragat und das wissen Sie eh alles. Aber so, das war das Bild, das man, das man bekommen hat, wenn man aus Wien, sagen wir völlig nicht voreingenommen rein gekommen ist, in ein Land, das einem fremd war, mir war es völlig fremd. Mir war das eigene Heimatdorf bekannt, aber sonst war mir das Land völlig fremd.

Schweitzer

Das wollte ich jetzt gerade fragen. Also meine Assoziation war jetzt, dass das eine Situation ist, die sich in Bozen und in den größeren Orten, also vor allem auch in Bozen und so, abgespielt hat. Sie waren ja sicher auch viel im Ahrntal drinnen bei Ihrer Familie, wie war, gab's da Unterschiede zwischen Stadt und Land, war da …?

Benedikter

Am Land, am Land, aber weniger, weniger sag ma, in so einer abgeschiedenen Berggegend aus der ich stamm, wie gesagt, drei Seiten Grenze, und wenn eine Lawine runter gegangen ist, dann sind wir wochenlang von der Außenwelt abgesperrt gewesen, da hat sich eigentlich nichts abgespielt. Aber rund in den Tälern um Bozen, Meran und so weiter, war der patriotische Faktor stark entwickelt, stark entwickelt. Und hat auch zu einem großen Gegensatz zur Stadt Bozen, die man so als feindliche Bastion gesehen hat, herausgeschält.

Schweitzer

Ich frag jetzt, weil ich einfach Assoziationen [Benedikter: Ja natürlich.] dazu hab. War diese Aversion gegen Bozen, also die war sicher zum einen, weil doch zu dem Zeitpunkt, doch ein ganz großer Anteil der Bevölkerung italienischsprachig war. [Benedikter: Bis heute.] Bis heute ja, aber war auch ein Grund, dass, sagen wir, das einzige Bürgertum, das es in Südtirol gibt, wenn dann in Bozen lebt. Während ja zum Beispiel diese ganzen Anschläge eher von Bauern getragen worden sind?

Benedikter

Das hat sicherlich auch eine Rolle gespielt, denn das so genannte liberale Bürgertum in Bozen war aus der Sicht der Landbevölkerung immer etwas italophil, immer etwas kollaborationsbereit. Allerdings war dadurch auch ein vernünftiger Ausgleich zu diesem Überschwang in den Tälern enthalten, das muss man auch offen zugeben. Denn ich meine, Bozen war eben eine alte Handelsstadt mit einer großen Tradition, wo die Verkehrsströme, die Handelsströme im Mittelalter und in der frühen Neuzeit dafür gesorgt haben, dass sich eben ein besonders liberaler, wie soll ich den sagen, kleinbürgerlicher, kleinadeliger Typus von Bewohner entwickelt hat, der gesagt hat, ich bin wer, weil ich "von" heiß, auch wenn ich im ausgehenden letzten Jahrhundert vor dem Ersten Weltkrieg das gekauft hab. Weil die Monarchie hat kein Geld gehabt und hat dann eben, Sie kennen das ja, das ist nämlich ein ganz ein lustiges Kapitel, das ist ganz ein lustiges Kapitel. Weil es gibt zwei Dinge, die wahnsinnig interessant sind. Der Tiroler Landrat einerseits, der echte hat ja ein große Rolle gespielt, also vom Trentino bis Nordtirol, sagen wir, eine ganz bedeutsame Rolle, Salzburger Erzbischöfe, die damals viel Macht gehabt haben, Firmian und so weiter, und Kanzler, Leute, die in der Hofburg wirklich großartige, von außen her gesehen, großartige Positionen erworben haben. Denn auch für die Monarchie war Südtirol immer was Besonderes, das Land wo es halt klimatisch und so schön ist und wo der Sommer und der Herbst dauert lang, und die Sisi mit Meran und, was man ja weniger weiß ist, dass ein Teil des russischen Großadels nach Meran gekommen ist. Und, und sagen wir, wir eigentlich heute sagen müssten, wir haben vor hundert Jahren in gewissen Gegenden einen größeren Glanz erlebt als jetzt. Weil, jetzt sind wir auch oft zu blöd. Denn zum Beispiel ist man nach langer Zeit erst draufgekommen, und ich hab es zwar einmal geschrieben, weil ich es durch Zufall in einem Lexikon glaub ich, in einem Filmlexikon einmal entdeckt hab, also nicht durch eigene, ich hab nichts damit zu tun gehabt, auch keine Meriten, null. Aber Tanz der Vampire vom Polanski ist zum Großteil auf der Seiser-, also die Eingangssequenzen und wo weiter, alle auf der Seiser-, diese Schlittenfahrten und alles, auf der Seiser Alm. [Schweitzer: Also das war mir nicht bewusst.] Ja und viele Filme, viele Filme, aber da ist man zu blöd gewesen, um das zu vermarkten.

Schweitzer

Wobei ich da letzthin gehört hab, dass jetzt das Südtiroler Verkehrsamt, also so diese, wie heißt es, Tourismusbüro oder wie auch immer, jetzt tatsächlich anfangt umzudenken und halt irgendwie festgestellt hat, dieses ganze Schifahren und so was, wir sind an die obersten Grenzen angelangt, das kann man nicht mehr …

Benedikter

Ja aber jetzt tun wir so groß, jetzt tun wir so, als ob wir nicht nur das Rad, sondern auch die Schrift und, und den Krieg und den Frieden und alles erfunden hätte. Denn ich meine, jetzt kürzlich hat eine Zeitung, die mir nahe steht, Verträge aufgedeckt, das müssen Sie sich einmal durchlesen, die Verträge. Also da haben Leute wirklich, mittelmäßige Leute, so viel verdient wie drei österreichische Bundeskanzler mit allen, mit allen Privilegien, die es überhaupt weltweit gibt, also jede Privatausgabe sogar getätigt wurde. Das sind eben diese Seilschaften, die sich da gebildet haben. Und dann zum Beispiel hat man, obwohl man im Land ja ganz gute Künstler hat, gerade aus dem Vinschgau zum Beispiel, aber auch andere, Stecher hängt da, da ist ein ???Scherer und so weiter, aber die sagen wir alle, die geeignet gewesen wären ein Logo, ein Werbelogo zu entwerfen. Wissen Sie was man getan hat? Wir haben da eine Tourismusgesellschaft nur in Bozen, ein eigenes Ding mit fünfzig Leuten, mit fünfzig Leuten, von denen niemand weiß, was sie wirklich tun, aber unglaublich überbezahlt werden und unglaubliche Privilegien genießen. Und dann hat man für das Logo eine Hamburger Agentur beauftragt und die hat so eine Art Kinderzeichnung gemacht, so Berge, wie sie die Kinder in der Schule zeichnen. Und das hat glaub ich so ein paar, 700-, 800.000 Euro gekostet. Und nicht umsonst hat der Magnago immer vor der geistigen Verfettung gewarnt, und damit hat er gemeint, also wenn ein Land, das schwere Zeiten erlebt hat, plötzlich mit Wohlstand überschüttet wird, sich es teils selber erarbeitet, aber teilweise auch durch die Segnungen der Autonomie und durch diese Sonderposition, dann hat das auch ganz ungute Auswirkungen.

Schweitzer

Das war vom Magnago die Analyse, wie es dann mit Südtirol wirtschaftlich auch ziemlich berauf gegangen ist, oder?

Benedikter

Ja, ja, er hat gesagt, er hat gesagt, der Wohlstand hat sehr viel für sich, überhaupt wenn er sozial gut verwaltet wird, was leider Gottes nicht der Fall war, weil man die Wirtschaft immer bevorzugt hat. Und, und die Gefahr, hat er immer gesagt, besteht darin, dass nur mehr in wirtschaftlichen Kriterien gedacht wird, und was bringt uns das, wenn wir es tun und wie viel bringt es uns, und dass zum Beispiel beim Fremdenverkehr es so ist, dass die Leute zum Teil in Abstellkammern selber schlafen, nur damit sie die letzten Bette, die eigenen auch noch vermieten können, und so halt Auswüchse, die ja von einem Österreicher so wunderbar aufbereitet worden sind. Ja, das ist ein genialer Film damals gewesen und ein geniales Buch.

Schweitzer

Na ich wollt jetzt mit meine Frage vorher überhaupt nicht dieses Bürgertum in Bozen kritisieren [Benedikter: Na, na.] sondern es ist eher wirklich …

Benedikter

Das ist so, es war ein Gegensatz. Mein Gott, ich meine zum Beispiel, zum Beispiel noch mein Schwiegervater hat immer von den Bozener Pfeffersäcken geredet, weil er war Direktor, einer der drei Direktoren von einer Lodenfabrik in Brunneck, die Moessmer hat sie geheißen, und existiert auch heute noch, die hat ein Ex-Sudetendeutscher groß aufgebaut und wirklich dann den italienischen Markt erobert damit. Und das ist halt so gewesen, dass er, er war ein nüchterner Mensch, der sich vom Buchhalter hinauf gearbeitet hat, und der also mit großer Befremdung gesehen hat, wie man, wenn die Finanz gekommen ist, dann haben sie das gekriegt und das und das, und das ist ihnen zugesteckt worden. Und er war gegen diese ganzen Methoden, er war allergisch, net, er hat gesagt, die Rechtsanwälte und die Bozener Pfeffersäcke, die ruinieren alles, hat er gesagt. Jede Moral, es ist ihnen nichts zu, zu also schlecht genug. Und es war ein gewisser Gegensatz, aber der wär überall sonst auch gewesen, das war wahrscheinlich in Wiener Neustadt nicht anders, oder, um es so zu sagen.

Schweitzer

Die andere Frage oder Assoziation, die ich jetzt hatte, in welchem Ausmaß würden Sie sagen, hat quasi sie Option noch eine Rolle gespielt innerhalb der deutschen Bevölkerung? Also doch diese Teilung der Gesellschaft zwischen Dableibern und Deutschland-Optanten?

Benedikter

Die Option hat unterschwellig eine, also nach dem Krieg, eine große Rolle gespielt unterschwellig, weil diejenigen, die nicht für Deutschland optiert haben, an den Rand gedrängt worden sind von jenen, die für Deutschland optiert haben und zum Teil auch wirkliche Nazis waren. Und die zurückgekommen sind und plötzlich waren es Widerstandskämpfer und Leute, die nur das Beste getan, und sie haben mit dem Magnago, der an der deutschen Front in Russland verwundet worden ist, ein Alibi gehabt, er hat sie zwar nicht gedeckt, er hat sie nicht gedeckt, dazu war er viel zu unbestechlich, weil er hat immer zu seiner Vergangenheit, er ist immer zu seiner Vergangenheit gestanden, er hat gesagt: "Mein Gott, wir sind eingezogen worden, ich hab als junger Offizier das getan, was ich für richtig gefunden hab. Man muss Befehlen gehorchen, ich kann nur sagen, in meiner Einheit ist nie etwas passiert, was fragwürdig gewesen wäre." Und er war damals auch furchtbar zornig und erbittert über diese ersten, er hat sie Diffamierungen genannt, aber das waren keine Diffamierungen, es war im Gegenteil, viel grusliger als man gemeint hat. Aber nicht, der Fehler den sie gemacht haben war eben pauschal wieder die Wehrmacht. Teile der Wehrmacht, denn das hat vom kommandierenden General abgehängt, ob eine Einheit einigermaßen sauber geblieben ist, oder ob man sich eben mit dem gleichen Schmutz selbst beworfen hat wie halt die SS und andere Einheiten. Und sogar in der SS hat es Einheiten gegeben, die relativ sauber waren. Also sogar das Pauschalurteil über die SS kann man in dieser Form nicht aufrecht halten, weil es immer am Kommandanten, das letzte Glied der Kette hat entschieden was man tut. Wie ein Führerbefehl auszuführen ist, ob er befolgt wird, ob er großzügig, wie soll ich denn sagen, formell befolgt wird, aber man tut in Wirklichkeit nichts, ich meine. Das hat eine große Rolle gespielt, weil die Dinge komplett zum Teil auf den Kopf gestellt worden sind, und da ist viel Verbitterung entstanden. Ich kann nur aus meinem kleinen Heimatdorf, ich hab Ihnen ja das Ganze erzählt, und so ist es in vielen, vielen Gegenden gewesen. Und andererseits natürlich war's gut, das war eine der wenigen positiven Dinge, dass Italien die Rückkehr dieser Optanten erlaubt hat, weil das war keineswegs selbstverständlich damals. Denn mit den Optanten ist natürlich auch sehr viel Wissen und Know-how ins Land gekommen, weil man andere Gegenden gesehen hat, dort gearbeitet hat, andere Wirklichkeiten erlebt hat und so weiter. Also das Land hat sich insgesamt, wie soll ich denn sagen, leider Gottes nicht liberalisiert, aber es ist viel Wissen und viel Weite dazu gekommen, das Spektrum ist ein bissel angereichert worden.

Schweitzer

Na gut, es waren natürlich auch viele, die dann draußen in den Fabriken oder in der Industrie gearbeitet haben, was es natürlich in Südtirol zu dem Zeitpunkt ja kaum gegeben hat.

Benedikter

Na, aber überall. Mein Gott wenn jemand, Sie müssen sich denken, da hat es Leute gegeben, zum Beispiel ich weiß es aus meinem kleinen Bergdorf, die waren in ihrem ganzen Leben bis sie eingezogen worden sind oder sich freiwillig gemeldet haben, nie in Bruneck, nie in Bruneck. Aber sie sind dann in Abessinien gewesen, sie sind am Kaukasus gewesen, sie sind hoch im Norden bei Narvik gewesen und so weiter. Und wenn die heim gekommen sind aus der Kriegsgefangenschaft, oder weil sie entlassen worden sind, oder verwundet worden sind, dann haben sie natürlich unendlich viel zu erzählen gehabt. Und auch wenn die Hälfte angereichert worden ist, wie es halt so üblich ist nach Grimmelshausen, ich meine, es hat halt für ein neues Bewusstsein … Man hat gewusst, also man ist nicht mehr ein abgeschlossenes Biotop, sondern es gibt die große Außenwelt.

Schweitzer

Es gibt halt eine Welt jenseits der Grenzen. Aber war das dann zum Beispiel, also grad angesichts dieser sehr starken italienischen Präsenz in den Sechzigerjahren in Südtirol, war da das dann noch einmal ein Thema, dass sie denen dann wieder irgendwie ein Naheverhältnis zu Italienern unterstellt haben?

Benedikter

Na, na, in den Sechzigerjahren hat die Option überhaupt keine Rolle mehr gespielt. Das war, das war, ich tät sagen von 1945 bis maximal 1960, bis zu, dann ist. Sie wissen ja, dass ein Problem das andere überlagert, und das was gestern hoch aktuell war, ist morgen überhaupt nicht mehr ein Thema über das man redet, geschweige sich denn damit befasst. Bitte tun Sie sich doch ein Wasser nachschenken.

Schweitzer

Ja ich nimm mir gern noch was.

Benedikter

Weil ich hab so kurze Arme und wenn man älter wird schrumpft alles noch dazu, ich mein, und ich würd beim besten Willen …

Schweitzer

Ah. Sie haben, ich fand das eine schöne Formulierung, Sie haben gesagt, Sie waren immer links. [Benedikter: Ja, und bin's heute noch.] Und Sie haben immer Angst, dass das Herz verrutscht. Ich stell mir das ja relativ schwierig vor mit so einer Position innerhalb der Südtiroler Volkspartei.

Benedikter

Ja, ich bin schon lang nicht dabei Gott sei Dank, [Schweitzer: Aber wie Sie damals zur Partei gekommen sind.] aber wie ich damals. Wenn ich nicht unabhängig gewesen wäre, wir haben ja ein tolles Wahlsystem, wirklich ein Wahlsystem gehabt auf der gesamtitalienischen Ebene und in Südtirol auch, wir haben das gleiche Wahlrecht gehabt, das demokratischer hätte nicht sein können. Und zwar die Partei erstellt zwar die Liste, aber durch Vorwahlen in den einzelnen Bezirken, die im Gegensatz zu Italien haben wir es immer so demokratisch gehandhabt, dass das was die Bezirke beschlossen haben weitestgehend zu zwei Dritteln immer erfüllt worden ist. Das letzte Drittel haben dann die Parteigremien entschieden. Ich glaub das war eine gute Mischung. Und die Wahl selber hat sich so abgewickelt, und da haben uns ja Freunde aus Österreich und Deutschland immer beneidet, weil sie gesagt haben, das ist eigentlich ein ganz, ganz tolles Wahlsystem. Man hat einen Spitzenkandidaten gehabt, der natürlich hie und da etwas fragwürdig war, weil wenn er grad halt in Mode war oder gute Beziehungen zu bestimmten Leuten gehabt hat, ist er halt Spitzenkandidat geworden, aber meist war die Kandidatur um die Wahl berechtigt, und hat er auch kritischen Kriterien standhalten können. Dann sind die Leute alphabetisch gereiht worden, und dann hat jeder Wähler drei Vorzugsstimmen gehabt. Und auf Grund dieser Vorzugsstimmen ist man dann gewählt worden. Das heißt, nicht die Partei hat entscheiden können, sondern nur mehr die Bevölkerung, der Wähler. Und das war zum Beispiel für mich die große Rettung, denn es hat Zeiten gegeben, wo die Partei mich gehenkt, geköpft, gevierteilt, durch den Fleischwolf gedreht hätte, durch die Knochenmühle, den Wind in der Sahara verstreut hätte, im eigenen Land, das war das Land, das wär ich gar nicht wert gewesen, im Land verstreut zu werden. Und weil ich eben oft eigene Wege gegangen bin, ein Häretiker war, Dinge getan hab, die mir richtig erschienen sind. Und da hab ich eigentlich nie große Kompromisse gemacht, ich hab noch mehr Schwierigkeiten als mit der eigenen Partei, die ich automatisch vorausgesetzt hab, aber wo ich auch eine starke eigene Anhängerschaft gehabt hab, hab ich eher im Familiären und vor allem im Reich der Großfamilie gehabt, wo man gesagt hat, mein Bruder hat gesagt: "Du bist ja von allen guten Geistern verlassen, Du spinnst ja total", und so weiter und so weiter. Weil man sich da halt mit der Macht verbünden müsste und abfinden müsste. Und das war nicht der Fall. Und mich haben zwei Kreise eigentlich, zwei Bevölkerungsschichten immer gut gewählt. Die einfache Bevölkerung, weil sie gesagt haben, er ist ein Kind einfacher Leute, stammt aus einem armen Dorf, ist stolz darauf, stolz darauf, aus einem armen Dorf zu stammen, stolz darauf, dass er armen Verhältnissen entstammt und alles aus eigener Kraft hat schaffen müssen, und er redet so, dass man ihn versteht, kritisch, selbstkritisch, wir brauchen keinen Dolmetscher, wie oft. Wir haben Arbeitnehmervertreter gehabt, da hab ich, ich war immer ein großer Zyniker, da hab ich dann einmal gesagt: "Du Hubert, heute hast den Dolmetscher vergessen." - "Was für einen Dolmetscher?" - "Ja Du hättest ihn mitnehmen sollen, weil die Bevölkerung hat von dem Kauderwelsch, das mit so vielen Fremdwörtern durchsetzt war und mit Schachtelsätzen, die nimmer enden wollten und so weiter, die haben Dich überhaupt nicht verstanden. Frag sie, die werden gesagt haben, er hat geredet. Er hat geredet. Und dann fragst worüber. Dann sagen sie, ??? das weiß ich nicht." Und, mein Gott ich hab halt meinen eigenen Stil gehabt, ich hab gesagt bei den Versammlungen ganz allgemein, und das hat mir immer sehr viel Zustimmung eingebracht. Und es war nicht gespielt, es war meine Überzeugung, ich hab gesagt: "Die Leute stolzieren wie die Hähne durchs Land wenn sie gewählt worden sind, und meinen, dass sie was besseres sind und meinen, dass sie von Gott persönlich berufen worden sind, und dass Sie mit dem Heiligen Geist ein Abonnement abgeschlossen haben und so weiter. Dabei gibt's eigentlich keinen einzigen Beruf, wo man nicht eine Qualifikation nachweisen muss, außer für den Politiker. Und wenn die Leute ein bisserl normaler wären und ein bisserl volksverbundener wären und wenn sie den Begriff 'Volkspartei' ernster nehmen würden, dann würde all das nicht geschehen." Und dann hab ich aufgezählt was schief gegangen ist, und das ist bei den Leuten wahnsinnig gut angekommen. Und die zweiten, die zweite Schicht, die mich immer gewählt haben, waren die kritische Schicht, die gesagt haben, der fällt aus dem Schema, wir können der Partei nicht viel abgewinnen, aber mit dem können wir uns anfreunden. Sagen wir es gibt heute noch so kritische Intellektuelle für die ich fast eine Art Heros bin. Und dadurch bin ich unabhängig gewesen und dadurch war ich immun und unverletzbar. Denn sonst hätt man mir tausendfach, Sie müssen sich einmal eines vorstellen, ich weiß nicht, ob ich es Ihnen schon erzählt hab. Ich war kurz im Parlament und war sehr viel mit italienischen Kommunisten beisammen, die, ich, das hab ich ihnen gesagt, die seriösesten, die ehrlichsten, die glaubwürdigsten, zuverlässigsten, nettesten Leute waren, die ich überhaupt in Rom kennen gelernt habe und zwar quer durch die Jahrzehnte. Und da hat mich dann ihr so genannter Außenminister, der gut Deutsch können hat, ein Sergio Segre, der ein wichtiger Mann in der Partei war, der hat mich einmal angesprochen, hat gesagt: "Hans, ich weiß Du bist sicher kein Freund der DDR." Dann hab ich gesagt: "Ja das kannst Du mit großer Berechtigung annehmen, weil mir da sehr vieles missfällt." Dann hat er gesagt: "Aber bist Du der Meinung, dass es den Staat gibt." Er hat es ja ganz elegant gemacht, net, ganz weit herum, weit herum, und hat mich in ein Netz gefangen, wo ich dann nimmer auskommen bin, muss ich ganz offen sagen. Dann hab ich gesagt: "Ja natürlich gibt's den Staat, der Staat hat jede völkerrechtliche Legitimität und erfüllt alle UN-Prinzipen, die Prinzipien, die ein Staat um als solcher anerkannt zu werden, vorweisen muss." Also Fläche, Bevölkerung, Regierungsform, ganz gleich welche, ich mein. Dann hat er gesagt: "Ja Du hast ja, nachdem Du mit dem deutschen Sprachraum so verankert bist, hast Du ja diese ganzen Debatten über die Hallstein-Doktrin und so weiter gelesen." Wir haben eh schon einmal darüber geredet, glaub ich. [Schweitzer: Nein.] Ganz sicher net? Net dass ich mich wiederhol. [Schweitzer: Nein Sie wiederholen sich nicht, erzählen Sie nur was.] Da hat es, die Hallstein-Doktrin, die Sie ja kennen, hat so gelautet in einem Satz zusammengefasst: Wer die DDR anerkennt, ist für Deutschland, für die Bundesrepublik Deutschland, gestorben. Die Beziehungen werden abgebrochen, die Wirtschaftsbeziehungen werden abgebrochen und so weiter. Und 1973, das ist ein Datum an das ich mich zufällig erinnern kann, weil die zweite Tochter auf die Welt gekommen ist, 1973, also ich war grad ein Jahr im Parlament, und war die Hallstein-Doktrin ganz groß in Gefahr. Warum? Weil immer mehr Staaten in Europa gesagt haben, das kann nicht sein, dass wir da den Kalten Krieg noch anheizen und der DDR ein Existenzrecht absprechen, und wir lassen uns in dieser Form nicht mehr erpressen. Das waren am Anfang kleinere Staaten, die haben den Deutschen zwar weh getan, aber es war nicht, aber dann ist die große Kommunistische Partei in Italien immer mächtiger geworden, und mit Italien fällt ihnen ein Gründerstaat der heutigen EU weg, und das wär, sozusagen fast Nachbar, das wäre eine Katastrophe gewesen. Und ich muss sagen, ich war wirklich der Meinung, ich hab die Fragen, die er mir gestellt hat, alle so beantwortet, wie ich es für richtig gehalten hab. Und dann hat er mich der elegant eingeseift und hat gesagt: "Ja, der außenpolitische Ausschuss hat beschlossen, eine Delegation nach Berlin zu schicken", Ostberlin in dem Fall, Pankow hat man in Bonn gesagt, "zu schicken, um über eine eventuelle Anerkennung durch Italien zu verhandeln. Und da würden wir Dich gerne in dieser Delegation haben." Die ist aus allen großen Parteien, auch DC und so zusammen, ein DC-Mann ist Verhandlungsleiter, der Unterstaatssekretär, der dem Moro nahe gestanden ist. "Und da hätten wir Dich gern dabei." Und ich muss sagen, ich war sehr naiv, hab mich sehr geschmeichelt gefühlt. Und er hat es noch dazu so nett gesagt, hat er gesagt: "Du kennst erstens beide Länder und zweitens kannst du als Deutscher ihre Sprache perfekt, und wir tun uns als Delegation leichter, wenn uns der Dolmetscher irgendetwas." Dann hab ich gesagt: "Du kannst ja selber …" Hat er gesagt: "Nein, ich kann das Deutsch, das man halt können muss, ich war, wie Du ja weißt Korrespondent dieser Nachrichtenagentur", ich weiß nicht wie sei damals geheißen hat, nicht DPA, aber so ähnlich, das war das Gegenstück, und deshalb hat der gut Deutsch können. "Aber keineswegs", hat er gesagt, "so, dass ich mich damit gut zurecht finden würde. Und wir hätten halt eine große Freude." Und dann hab ich gesagt: "Ja warum nicht?" Hab's auch mit der Partei überhaupt nicht abgesprochen, weil ich mir gedacht habe, die schmeißen mich sofort raus. Und bin dann nach x Vorbesprechungen, die wir gehabt haben, aber wie gesagt, immer waren die Regierungsparteien auch vertreten. Es war also keine Verschwörung und gar nichts, sondern ganz eine normale parlamentarische Angelegenheit. Und da waren die Italiener immer sehr großzügig, dass sie die kleinen Gruppen überproportional gefördert haben, die haben die gleichen Rechte gehabt wie die großen, also die gleichen Redemöglichkeiten, die gleichen Interventionsmöglichkeiten, auch durch Gesetzentwürfe, alles. Also da hat's, man hat im Alleingang Gesetzesentwürfe einbringen können, ohne Fraktion und so weiter, weil sonst, können Sie sich ja vorstellen. Und da waren sie wirklich, Hut ab, also da kann ich nur Gutes sagen und schwärmen. Und dann sind wir nach Berlin geflogen und sind natürlich ungeheuer hofiert worden, können Sie sich ja vorstellen. Und die westdeutsche Presse hat mit Argusaugen das beobachtet. Und ich kann mich erinnern, ich glaub die Frankfurter war's, die geschrieben hat, wenn Italien aus der Hallstein-Doktrin rausfällt, dann fällt die Doktrin in sich zusammen, denn dann ist's. Und effektiv war es dann auch so. Und wie wir das mit den Leuten verhandelt haben, wir haben uns mit dem Außenminister Fischer in der Volkskammer, und seinen Leuten getroffen. Und sind eigentlich alle zum Schluss gekommen, also diese fünfköpfige italienische Delegation, der ich unverdienter Weise die Ehre gehabt habe anzugehören, zur Überzeugung gekommen, ja Italien soll einen Staat der existiert, auch wenn uns einiges trennt und wenn wir also, auch die italienischen Kommunisten waren dieser Meinung, wenn uns sehr vieles ärgert an diesen Zuständen und sehr vieles trennt, aber die völkerrechtliche Anerkennung, die können wir nicht verweigern. Ich hab den Außenminister Fischer, ohne dass ich gewusst hab wieso und warum, zur Weißglut gebracht, weil ich hab ein bissel intellektuell glänzen wollen, denn, und hab gesagt: "Ja auch der uns allen gut bekannte große Churchill hat gesagt, dass das und das und das ..." Freiheitsbegriff nicht und so weiter, und ich hab es mit der Mauer verbunden, mit der Abstimmung per pedes und so weiter, und ob man da nicht daran denkt, die Dinge menschlicher zu gestalten. Ich hab gesagt: "Man kann, ich kenne das Argument und weiß sehr wohl, dass es auch seine Berechtigung hat, dass man sonst eine Massenflucht, die man vorher erlebt hat, noch mehr erlebt hätte, und dass das Land so entsiedelt worden wäre, dass es in sich zusammengebrochen wäre. Aber deswegen muss man nicht unbedingt eine Mauer bauen mit Schießbefehlen und Stacheldraht und so weiter." Und der ist während ich geredet hab, wirklich rot-weiß-rot, also österreichische Bundesfahne, geworden im Gesicht, und hat einen Wutanfall gehabt, also dass ich mir gedacht hab, wie kann sich ein Mensch in seiner Position so benehmen. Also er findet das höchst befremdend, dass ein Mitglied der italienischen Delegation in deutsche Sprache erstens Churchill zitiert, denn Churchill war ein Kriegsverbrecher und was weiß Gott, und sich in innerstaatliche Angelegenheiten in dieser Form einmischt. Dann hab ich mich noch einmal zu Wort gemeldet, dann hab ich gesagt: "Ja ich kann den Groll irgendwo schon verstehen, und vor allem wenn er von einem Südtiroler deutscher Muttersprache", weil für ihn war das, dass aus der italienischen Delegation jemand Deutsch redet, das war für ihn schon eine Attacke. Ich hab gesagt: "Aber von Einmischung kann schon deshalb keine Rede sein, weil dann würden wir uns ja mit dem worüber wir verhandelt haben, und worauf die DDR so ungeheuer großen Wert legen würde, auch einmischen. Und ich glaub wir mischen uns in diesem Fall im Sinne der DDR ein." Dann war Schluss, net. Und damals hab ich gesehen, die italienische Delegation vom Sergio Segre als Vertreter der Kommunisten bis zum Staatssekretär im Außenministerium, hat gesagt "Hans", ich bin immer unten nur als Hans, also auch bei den Reden aufgerufen worden, und natürlich der Hans Benedikter und so weiter, da kann ich den Hans gar net führen, muss ich Johann, ich mein diese Halbaffen. Und die haben nicht nur gesagt, dass sie vollkommen mit dem einverstanden waren, was ich gesagt hab, sondern auch ihre Solidarität, in Italien spielt das eine große Rolle, wir sprechen Dir unsere Solidarität aus, das ist so sein Zauberformel, genauso wie der Begriff des "Pentinmento", des Verzeihens. Was so lustig ist, zuerst stich ich zehn Leute tot und dann sag ich es tut mir Leid und ich bitt um Vergebung, also absurd, aber das ist so eine italienische Eigenschaft. Und zurückgekehrt nach Bozen ist das durch die deutsche Presse natürlich bekannt geworden, die gegen mich sehr gehetzt haben, gegen mich am aller Meisten. Wie kann ein Südtiroler und so weiter, Unrechtsregime. Und in der Parteileitung war großes Schwurgericht. Da sind die Schöffen gesessen und die Geschworenen und so weiter. Und dann waren die Forderungen, ich soll sofort zurücktreten und so weiter und was weiß Gott. Dann hab ich gesagt: "Ich bin vom Volk gewählt worden, nicht von Euch. Ich werd jedes Votum der Wählerschaft, wenn sie damit nicht einverstanden ist, selbstverständlich zur Kenntnis nehmen, aber nur von der Wählerschaft als letzte Instanz." Weil ich hab gesagt: "Ich hab immer in meinen Reden betont, und das möchte ich jetzt vor der Parteileitung noch einmal wiederholen, dass der Abgeordnete, so wie ich ihn verstehe, in erster Linie seinem Gewissen, in zweiter Linie seiner Wählerschaft und erst in dritter Instanz seiner Partei verantwortlich ist." Und das sage ich auch heute den jungen Leuten, die zu mir kommen und so weiter, ich sag das sind die Kriterien, das ist das Entscheidende. Ich meine wenn man Volksvertreter sein will, dann muss man den Begriff ernst nehmen, den Begriff überdenken und sonst geht man an der Wirklichkeit vorbei, weil sonst missbraucht man ein Vorschussvertrauen. Wir leben alle von einem Vorschussvertrauen. Und es ist wunderschön, dass man auch abgewählt werden kann, oder wenn man gut gearbeitet hat und das Vertrauen nach Meinung der Wähler verdient hat und nicht missbraucht hat, dass man noch mehr Vorzugsstimmen kriegt. Ich hab von Wahl zu Wahl immer mehr Vorzugsstimmen gekriegt und hab am Schluss, wie ich freiwillig ausgeschieden bin, einen Polster gehabt vom Nächsten zig, 25.000, 30.000 Stimmen, das ist für ein kleines Land wahnsinnig viel. Und aber wirklich großes Schwurgericht, also die hätten mich geköpft da.

Schweitzer

Und die Kritik war, weil die deutschen Medien so schlecht berichtet haben?

Benedikter

Nein, die Kritik war, wie kann man sich für ein Unrechtsregime einsetzen und wie kann man ein Unrechtsregime anerkennen und gerade wir und so weiter, und die Südtiroler, und in ganz Deutschland haben wir uns mit Schimpf und Schande bekleckt. Und dann hab ich gesagt: "Das hat man von Gaismair, über den ich geschrieben habe, auch gesagt. Aber er hat eine gute Sache vertreten, indem er sich als Schreiber und als rechte Hand des Bischofs an die Spitze des Aufstands gestellt hat. Und heute ist es so, in Südtirol wird er noch immer nicht erkannt und gewürdigt, aber dafür hat ihn halt der große Engels mit sehr anerkennenden Worten bedacht. Und das ist eigentlich nicht so wenig." Und meine Anhänger, die waren sowieso auf meiner Seite, und es war eigentlich eine recht starke Fraktion. Aber auch der Dr. Magnago, Hut ab, der ganz allergisch war gegen die Anerkennung, also ganz allergisch, und überhaupt gegen den Begriff "der Kommunismus", dann hat sich bei ihm schon jedes Nackenhaar. Ich hab ihm verzweifelt versucht zu erklären, dass es viele Formen gibt, und dass es einen Kommunismus gibt, der im Prinzip sozialdemokratisch ist, wie sie sich ja heute betätigen und nennen und so weiter. Und der Dr. Magnago hat dann gesagt: "Er ist von der Bevölkerung gewählt worden, ich bin mit ihm, mit dem was er getan hat überhaupt nicht einverstanden, aber das muss er mit seinem eigenen Gewissen ausmachen, und er hätt halt die Partei, das Einzige was ich kritisiere ist, dass er die Partei nicht informiert hat." Dann hab ich gesagt: "Herr Parteiobmann, Sie wissen ganz genau, wenn ich es getan hätte, dann hätte man mir einen solchen Knebel verpasst, dass ich bis heute net hätt reden können." Ja und das waren halt so die Akte, durch die ich mir halt … [Schweitzer: Ihre Freiheiten erkämpft haben.] So ungefähr, und, wie soll ich denn sagen, auch den Weg, den eigenen Weg, er war schwierig genug oft, er war oft schwierig genug.

Schweitzer

Aber hab ich das jetzt richtig verstanden? Sie waren zuerst in dieser Jugendorganisation, die Sie aufgebaut haben, [Benedikter: Ja, ja.] und dadurch hatten Sie dann auch einen gewissen Rückhalt, der es Ihnen dann auch ermöglicht hat auch auf Landesebene …

Benedikter

Na, den hab ich vorher schon gehabt. [Schweitzer: Den haben Sie vorher schon gehabt?] Ich hab nie in der Bevölkerung so viel Rückhalt gehabt wie vor der Wahl zum Landesjugendreferenten, weil Landesjugendreferent war eigentlich etwas, was aus der damaligen Parteisicht überhaupt keine Rolle gespielt hat. Man hat Angst, Sie müssen sich vorstellen, 1970 ist man draufgekommen, dass man eine eigene Jugendorganisation braucht, mehr brauch ich net zu sagen, net.

Schweitzer

Wann ist die Frauenorganisation gegründet worden, sicher erst später?

Benedikter

Ja, mit Fug und Recht sagen heute noch viele. Aber ungefähr zur gleichen Zeit, und sie haben sich gleich schwer getan, nur haben sie nie gekämpft, zum Unterschied von uns. Wir haben, und ich hab in der Zeit von 1964 bis zur ersten Parlamentswahl 1968, wo ich auf Wunsch der Partei kandidiert hab, blutjung, weil man einfach jemand gebraucht hat für die Jugend, ich bin gebettelt worden im Parteiausschuss von den ganzen Granden der damaligen Ding, ja wir brauchen Dich und bitte und mach's und so weiter. Und in dem Moment, wo man gesehen hat, ich könnte Erfolg haben, dann ist man gegen mich nur immer losgegangen.

Schweitzer

Die gleichen Leut wieder?

Benedikter

Net die gleichen, aber net ganz die gleichen, aber zum Teil auch die gleichen. Aber vor allem die Presse und so weiter. Weil damals war ich Kommunist, Feind Gottes, Feind der Christenheit und sowieso.

Schweitzer

Eben, auf das wollt ich nämlich auch noch, das haben Sie das letzte Mal schon erzählt, da bei dieser ersten Wahl, und Sie haben es ganz am Anfang im Gespräch auch wieder angedeutet, diese Flug-, oder diese Zettelaktion, die da, wo Sie als Kommunist und so was beschimpft und angefeindet wurden.

Benedikter

Mit dem Ding, mit der roten Katze, die aus dem schwarzen Sack heraushüpft.

Schweitzer

Also da war dieses Bild eben drauf. Und von wem, von wem ist so was ausgegangen diese, solche Aktionen?

Benedikter

Von heute sehr mächtigen Leuten, mehr brauch ich nicht sagen, net. Ich kenn die Namen, es ist alles längst, es ist so weit weg und so in der Ferne. Und ich hab sie nie genannt, weil ich auch den direkten Nachweis nicht erbringen kann. Es gibt zwar sehr stichhaltige Hypothesen, und es hat jemand aus diesem Kreis auch einmal geplaudert, weil die Leute wechseln ja die Lager und die Freundschaften und so weiter. Aber ich wäre damals schon gewählt worden, wenn diese Zettelaktion nicht gewesen wäre, weil man hat so eine Auflage gemacht zwischen 100.- und 120.000, und die hat man am Samstag überall verteilt [Schweitzer: 120.000 solche Zettel?] 120.000 solche Zettel, ja. [Schweitzer: Das ist ja unglaublich.] Man hat vor mir eine wahnsinnige Angst gehabt. Dann eigene Besprechungen stattgefunden von den damals teilweise ganz wichtigen Leuten, wie könn ma den verhindern? Weil ich bin so als, für die Bevölkerung war ich so ein aufgehender Stern, und ich hab grad in diesen Jahren 1964, 1968 und dann nach den Wahlen bis 1970 und dann über die Jugend dann sowieso, das hab ich mir selber aufgebaut, und hab, um zu zeigen, dass, ich hab es mir leisten können, weil ich schon so einen guten Stand gehabt hab, das war nicht nur Akt des Heroismus, net, und als solchen hab ich ihn auch nie verkauft, aber ich hab damals bei der Wahl, wo ich dann sehr glorreich gewählt worden bin 1972, offiziell schriftlich und vor den Gremien auf die Unterstützung der eigenen Jugendorganisation verzichtet. Und zwar ist mir die Wahl leicht gefallen. Ich hab gewusst, ich komm sowieso durch, weil so viel Anhang hab ich, zweitens die Leute aus den Reihen der Jugend, die wählen mich sowieso, auch wenn ich sag ich verzichte darauf und ich möchte gar nicht, weil die Wahl ist geheim und die wählen mich ja aus Überzeugung. Und drittens wollte ich den Beweis antreten, das war das einzig Ehrliche an der ganzen Geschichte, den Beweis antreten, dass ich die Jugend nicht als Steigbügelhalter gebrauche oder missbrauche. Und, bitte, haben Sie ein Wasser genommen? Einen Kaffee, einen Kaffee? So ein schlechter Gastgeber, das ist ja schrecklich. [Schweitzer: Geht's?] Ja, so geht's besser. Weil patschert bin ich ja, wenn es eine Weltmeisterschaft gäbe [Schweitzer: Danke.], ich würd sofort den ersten Preis gewinnen, ja. Und, Sie sehen welche Temperaturen wir da haben, draußen ist es natürlich noch wärmer. [Schweitzer: Das glaub ich.] Ich hab das Fenster eh offen. [Schweitzer: Es ist schon ordentlich heiß da herinnen.] Und damals, wie gesagt, es waren ganz andere Zeiten, es hat keine elektronischen Medien gegeben, es hat eigentlich überhaupt nichts gegeben außer Flugzettel und natürlich, wer hat gut reden können. Ich hab das Glück gehabt, dass ich, das ist die Meinung der Leute gewesen, der beste Redner des Landes war, und die Leute richtig hab begeistern können. Und hab dadurch wirklich außerhalb meines Bezirkes eine Hochburg nach der anderen gehabt hab. Jenesien, [Schweitzer: War das Pustertal?] ja, Jenesien und Mölten und Tramin und, und Algund und so, die ganzen großen Ortschaften, in Gries, wo ich eigentlich überhaupt nichts damit zu tun gehabt hab, außer dass ich in Gries eine Zeit lang gewohnt hab, aber nicht einmal, ich war nicht im Ortsausschuss, überhaupt nicht, ich war nie in einem Verband, nie in einem Verein, nie bei der Feuerwehr, nie bei der Ding, überhaupt nirgendwo. Und in Gries, das war damals die drittgrößte Ortsgruppe des Landes überhaupt, mit Tramin und Algund, ich hab alle drei gehabt eben, hat man mich nach Magnago, noch vor dem Kulturlandesrat, noch vor dem amtierenden Parlamentarier da in Gries, der war tödlich beleidigt, an zweiter Stelle gereiht, unmittelbar nach Magnago, net. Und aus diesem Grund sagen wir, hab ich damals so viel parteipolitischen Basiseinfluss, hab ich später nie mehr gehabt. Denn später ist es so, wenn sie im Parlament sind, dann haben sie nicht mehr die Zeit, dass ich es so betreu, weil sie sind unter der Woche in Rom, können mit Müh und Not gewisse Kontakte halten, beleidigen und enttäuschen automatisch gewisse Anhänger, weil sie zu wenig Zeit für sie haben, aus ihrer Sicht absolut verständlich. Aber man hat sie nicht, und da heißt es, jetzt vernachlässigt er mich, oder jetzt kümmert er sich nicht um mich und so weiter, net. Und das ist aus ihrer Sicht absolut zutreffend, aber es geht, es geht nicht anders.

Schweitzer

Und ich denk, Sie haben von dem prägenden Medienhaus dieses Landes auch nicht die Unterstützung gekriegt.

Benedikter

Das kann man sagen, das glaub ich kann man sagen, das kann man sagen.

Schweitzer

Auf das würde ich eh ganz gern noch einmal eingehen. Aber ich würd jetzt doch noch einmal gern auf diese Situation 1968 eingehen. Wie ist es denn Ihnen damit gegangen irgendwie, wenn da plötzlich eine Gruppe aus der Partei auftaucht, gegen Sie derart massiv interveniert, wo Sie vorher versucht haben für die Partei doch einiges zu tun? Also.

Benedikter

Ich hab's nur, ich hab für die Partei unglaublich viele Kämpfe ausgefochten [Schweitzer: Ja eben, also ...] und immer an vorderster Front, weil ich immer dort hingeschickt worden bin von den Parteigremien, wo es brenzelig war, wo man hat sich behaupten müssen, wo man ... [Schweitzer: Weil sie gewusst haben, Sie sind jemand, der überzeugen kann, oder?] Ja, ja, mein Gott, ich war mit dem Alexander Langer zum Beispiel persönlich sehr befreundet, er war auch oft da, aber offiziell haben wir also Kämpfe ausgefochten, nachher sind wir Kaffee trinken gegangen, wie es in Italien Gott sei Dank Tradition ist, das war die alte gute Tradition … [Schweitzer: Und wie es auch möglich ist.] dass man sich zuerst alle politischen Grobheiten sagt, das war weder seine Art noch meine Gott sei Dank, weil man auch ein bissel elegant Florettfechten kann und, und ich mein ganzes Leben eigentlich ein dialektisch geprägter Mensch war, der nie Schablonendenken betrieben hat, gut, schlecht, bös, finster, gerecht, ungerecht, oben, unten, links, rechts und so weiter, das sind alles Fronten, die sich im Prinzip verwischen. Deswegen hass ich wie die Pest, wenn ein Familienmitglied sagt "die Italiener" oder "die Ausländer" und so weiter. Dann sag ich nein, ein Teil der Ausländer, ein Teil der Italiener, ein Teil, es gibt mehr gute als schlechte Menschen, es gibt mehr großartige Menschen mit viel Mitgefühl, mit Empathie, mit der Fähigkeit mit zu leiden und mit dem ganzen Elend in der Welt, als Leute die das nicht tun. Es gibt so viele Freiwillige, die ihre Freizeit opfern und so weiter. Und das alles, sagen wir, bei mir war da immer, wenn ich Leute kennen gelernt habe, ein Trennungsstrich. Leute die sagen wir versucht haben klare Standpunkte so zu verpacken, dass sie für den anderen noch eine Tischberechtigung gehabt haben, die haben mir imponiert. Dagegen dieses in Südtirol sehr weit verbreitete, bis heute weit verbreitete, die Mentalität, wenn du anderer Meinung bist, dann bist du mein Feind, nicht nur mein Gegner sondern mein Feind, sagen wir, das hat mir nie behagt, muss ich ganz offen sagen. Na und etwas, ich hab, das will ich Ihnen schnell noch sagen, weil ich Ihnen ja so viel aus meinem Leben erzählt hab. Bei den ersten Parlamentswahlen natürlich war es auch so, dass meine Gegner, für die ich ja, wie gesagt, ein Kommunist, Emporkömmling, ein Mensch, der Südtirol umkrempeln will und die geheiligten Traditionen der Partei und des Landes und so weiter. Weil ich hab immer gesagt, alles muss sich der Kritik stellen, alles ist kritikwürdig, weil es nichts Vollkommenes gibt. Und wenn man sagt, der hat es gesagt und deswegen stimmt's, dann ist das die größte Dummheit und die größte Trottelei, die es gibt, weil viele angeblich kluge Leute die Menschheit mit ihren Worten so ins Verderben geführt haben, dass sie es nachträglich sehr bereut haben. Weil die Zeiten möchten wir hoffentlich nicht mehr erleben, der hat es gesagt, und deswegen Führer befiehl, wir folgen dir, also so ungefähr. Und da ist zum Beispiel der ganze Vinschgau, das erzähl ich Ihnen, weil Sie aus dem Vinschgau stammen, da war ein Bezirksobmann namens Kaserer, Robert Kaserer, und der war so ziemlich das Gehässigste, was ich erlebt hab in der Parteileitung. Und der hat gesagt: "Benedikter, der kommt mir in meinen Bezirk nicht hinein." War eine Wahlkommission, die zugeteilt hat, aber er war drinnen, ich bin in keinem einzigen Ort im ganzen Vinschgau zugeteilt worden. Das bedeutet, man ist in einer Hälfte des Landes, nicht in einer Hälfte, aber in einem großen Tal, überhaupt nicht vertreten. Man hat nicht die Möglichkeit seine Ideen den Leuten vorzutragen, zu sagen, was einem passt, was einem nicht passt und so weiter. Und dann hab ich erlebt, und das gehört zu den schönsten Erinnerungen die ich hab, es gibt auch viel weniger schöne, aber das gehört zu den schönsten, tauchen Leute auf plötzlich, läuten, ich kenn sie nicht, und sagen, ja meine Frau hat aufgemacht, ob der Hans da ist, ja der ist da. Bin ich runter gegangen, hab sie begrüßt, und haben sie gesagt, "ja wir taten Dich gern unterstützen". Dann hab ich gesagt also: "Wenn hat Euch eine himmlische Macht geschickt, denn wenn ihr aus dem Vinschgau kommts, da bin ich ganz arm dran, ich darf net amal reden, und ich hab überhaupt keine Möglichkeit." Und "ja, wir wissen schon, und der Kaserer, das ist ein gehässiger Bursche und der mag Dich halt nicht, aber wir haben gesagt, den täten wir gern unterstützen." Dann haben sie gesagt, ja sie haben vor, in Prad eine Privatversammlung zu machen. Und haben im ganzen Vinschgau so selbst gefertigte Plakate gemacht und überall angeklebt, und dass halt eine Versammlung, eine große Versammlung in Prad im Kinosaal damals stattfinden soll. Das war ein Saal mit 230 Sitzplätzen, ein großer Saal, und wie ich auffe gekommen bin, ich hab mir gedacht, mein Gott, was werden die schon da viel bewirken können. Sagen wir, ich war eher skeptisch, muss ich sagen. Wie ich auffe gekommen bin war der ganze Saal voll, und heraußen sind noch die Leute gestanden. Und ich war natürlich in Hochform. Und ich hab von den vielen Wahlen alle Ergebnisse längst vergessen, die einzelnen Ergebnisse wie viel für mich, ich weiß in etwa, da hab ich immer so ungefähr an die 800, 1.000 oder so gekriegt und so weiter. Aber die, das Ergebnis der Wahl in Prad werde ich nicht vergessen, und wenn ich so alt würde wie der Methusalem, 636 Stimmen nur in der Gemeinde Prad, 636 Stimmen. [Schweitzer: Das ist sensationell.] Ich war an erster Stelle vor allen Granden. Weil es war jemand aus dem Vinschgau, der Dietl, der hat weniger Stimmen gekriegt, der Mitterdorfer war aus dem Vinschgau und, in Gries wie gesagt, hat weniger Stimmen gekriegt, der Roland Ritz, der alle Verbände gehabt hat, hat weniger Stimmen gekriegt. Das werd ich nie vergessen. Und ich hab auch damals in meiner Dankesrede später einmal hab ich gesagt: "Wenn Prader irgendeinmal ein Problem haben, auch wenn ich längst nicht mehr in der Politik sein sollte, der Weg nach St. Pauls wird immer offen sein, und die Tür wird bevor sie läuten geöffnet werden." Denn das werd ich nie vergessen und ich hab's auch nie vergessen. Das sind so kleine Dinge, die. Mein Gott genau so in, in, in einer kleinen aber sehr schönen, leider Gottes jetzt furchtbar verbauten Berggemeinde, das heißt es ist ein eigenes Tal, das Gsiesertal, da haben sie mich immer, vom Anfang bis zum Ende, haben sie mir zwischen 72 und 75 % aller Vorzugsstimmen gegeben. Das heißt, verstehen Sie was das bedeutet? [Schweitzer: Ja, ja, natürlich.] Das ist, das ist, ich hab gesagt, ich bin dann einmal eini kommen auch um mich zu bedanken und hab gesagt, ich hab bei der ersten Wahlversammlung einen kleinen Korb getragen und hab mir gedacht, wenn da ein paar Zettel für mich ausgefüllt werden, dann muss ich sehr dankbar sein, und der Korb war so voll, dass er übergegangen ist. Dann hab ich immer größere Körbe getragen, mit der Zeit hab ich die Zettel, die im Korb waren gar nicht mehr dertragen. Und ich hab gesagt: "Das nennt man Treue und Vertrauen auf Lebenszeit und die kann man nie, nie genug wert schätzen und vor allem, man kann ihr nie gerecht werden. Weil ich müsste für Euch übers Meer gehen oder irgendeinen See austrinken oder irgendetwas." Und solche Dinge hat's ein paar gegeben und es hat natürlich auch andere, mein Gott, ich hab erlebt, grad weil ich Kommunist war bin ich ja von Kirche sehr bekämpft worden.

Schweitzer

Ja eben, die Kirche wär jetzt meine nächste Frage gewesen.

Benedikter

Ja da waren. Ja die Kirche hat schon so angefangt, die Kirche war damals eine Großmacht, wirklich eine Großmacht, die eigentlich als fast oberste Instanz entschieden hat, was richtig ist und was falsch ist, auch in der Politik. Und die Vorgänger vom Magnago haben sich sklavisch auch daran gehalten und der Magnago, ein sehr selbstbewusster Mann Gott sei Dank, der hat gesagt, mir hat er ein paar Mal da lange Vorträge gehalten, so wie ich Ihnen lange Vorträge halte, und abends werden Sie müd sein, ich auch. Er hat gesagt: "Entscheiden über politische, über politische Entscheidungen entscheidet derjenige und diejenigen, die dafür gewählt worden sind. Und die Kirche wird nicht gewählt, wir werden gewählt von der Bevölkerung und deswegen entscheiden wir. Die Kirche hat ein Mitspracherecht, kann immer ihre Meinung äußern, wir werden auch ihr den notwendigen Respekt erweisen, aber Entscheidungen treffen wir." Jugendgründung, ist sofort ein Brief vom damaligen Bischof gekommen an den Magnago gerichtet, es gibt genügend Jugendorganisationen im Land, eine politische Jugendorganisation braucht es nicht, wortwörtlich, und …

Schweitzer

Das war der Gagitter, oder?

Benedikter

Ja, braucht es nicht und deswegen äußert die Kirche große Vorbehalte, die sie also in deutlicher Form zur Kenntnis bringen will. Und der Magnago hat gesagt, ja wird schon sein, aber wir brauchen's, wir sind eh spät dran, hat er gesagt. Ja das hat er wenigstens erkannt. Bei ihm war ja das, er war ja eine Figur wie der Bruno Kreisky, mit all den Vorzügen und Mängeln, aber unverwechselbar, einfach irgendwo, wie soll ich denn sagen, groß, net. Denn er hat zum Beispiel für mich immer eine grässliche Haltung zur Opposition gehabt. Da hat er mir wörtlich erklärt, wie ich das Buch über ihn geschrieben hab noch zu Lebzeiten die erste Auflage, so ich glaub 1977 oder 1978 oder in den frühen Achtzigerjahren so glaub ich war's, dann hat er gesagt: "Ja die Opposition ist etwas, die hat in Südtirol keine Existenzberechtigung." Und ich hab gesagt: "Na Silvius, wie kannst denn so was sagen?", hab ich gesagt, "die Opposition gehört zu jeder lebendigen Demokratie. Die hat eine Wächterrolle, die muss Dinge aufdecken, die man selber bemänteln will, weil man ja wieder Wahlen gewinnen will und so weiter." Da hat der gesagt: "Na, die Opposition in unserem spezifischen Fall und so weiter, wir müssen gegen Rom zusammenhalten." Hab ich gesagt: "Moment, das hat vor dem Paket gegolten, und Du selber hast auf der Landesversammlung gesagt, nach dem Paket werden wieder die ganz normalen Spielregeln gelten wie überall in Europa." Was ein Schmarren war, weil es nie der Fall war. Und hat der gesagt: "Ja, aber deswegen müssen wir trotzdem, wir sind alle bedroht und wir müssen uns abgrenzen" und was weiß Gott. Und dann hab ich gesagt: "Mag alles sein, aber zur Opposition, noch dazu zur deutschsprachigen Opposition, müssen wir doch versuchen ein, hab ich schon mit Peter Brugger und mit anderen in einer Resolution für eine Landesversammlung vor vielen, vielen Jahren zuvor als einer der zentralen Punkte formuliert." Und hat der gesagt: "Na, ich bin ein begeisterter Gärtner und hab oben da in seiner Sommervilla in seiner kleinen, einen schönen Garten, und da wird alles, das Unkraut wird ausgerottet." Dann hab ich gesagt: "Ja vergleichen Sie die Opposition …" - "Ja" hat er gesagt. Stur und Ding. Und ich hab es dann auch so geschrieben und hab auch geschrieben, diese Haltung ist sehr befremdend und sehr angriffswürdig. Und, also, ich hab ihm sonst viele Konzessionen gemacht, weil ich mir gedacht hab, mein Gott, ich bring's nicht übers Herz einem solchen Mann, der eh nichts Anderes hat und so viel getan hat für unser Land, da kleinlich nein zu sagen, nur um kritisch zu sein. Weil das Buch ist ja, das erste Buch schon, viel kritischer geschrieben worden, und ich hab halt Stück für Stück halt dann Sätze ausse gestrichen. Er hat vor allem gesagt: "Na, und das geht mich nix an, und ich will Dir da nichts dreinreden, und bitte net, dass Du meinst und so weiter. Aber meinst Du net, dass die Leut könnten das halt falsch auffassen und so weiter. Und ich hab gesagt: "Silvius ich versteh Dich schon."

Schweitzer

Aber wen hat er dann als Opposition gemeint? Das war dann irgendwie Jenny, das war Dietl und dann quasi die, der Langer und …

Benedikter

Ja, ja alles, alles was nicht SVP war. Weil er hat gesagt "Opposition", das war wieder auf mich gemünzt, "haben wir eh genug in den eigenen Reihen". Und zeitweilig war es ja so stark, dass sie fast die Mehrheit gehabt hat.

Schweitzer

Aber war das dann irgendwie für den Magnago schlimmer so jemanden zu haben wie den Dietl oder den Jenny, die quasi Abtrünnige aus der eigenen Partei sind?

Benedikter

Na, na, die haben ihn gestört insgesamt, weil sie, sie haben ihn natürlich kritisiert. Und der Jenny war auch ein großer Zyniker wie ich und war mitunter sehr ironisch und, und oft ein bisserl mehr als ich ihm geraten hab, weil ich gesagt hab: "Egmont, ich würde nicht sagen die Bauern haben die und die Privilegien, sondern ich würde sagen die Talbauern, die große Obstwiesen und Kulturgründe haben und so weiter, die haben sie, und diese Privilegien sind nicht also zu rechtfertigen. Die Bergbauern die sollen jedes Privileg der Welt haben, weil sie dafür belohnt werden müssen, dass sie überhaupt unter diesen Bedingungen auf dem Hof bleiben und dadurch keine Zersiedelung wie im übrigen Europa stattgefunden hat." Und da war er, er hat oft, genau so wie ich, aber er ein bisserl mehr noch wie ich, um der Pointe Willen den Inhalt geopfert. Und das ist natürlich oft ein Fehler, der mit der geistigen Hybris zusammenhängt und mit dem was meine Frau als, als Hochmut bezeichnet hat. Und, wo waren wir grad, Sie haben gesagt …

Schweitzer

Bei der Kirche waren wir eigentlich ursprünglich.

Benedikter

Bei der Kirche, ja bei der Kirche, ja. Zur Kirche zurück, das war das Erste. Das Zweite, ich hab, bin dann, was verschwiegen worden ist, net, dass die Partei mich gebeten hat, ich wollte gar nicht, ich wollte für die Landtagswahlen kandidieren. Aber da wollt ich einen richtigen Wahlkampf machen und hab einen amerikanischen Wahlkampf geführt, der in Südtirol völlig unbekannt war, der aber nicht einmal auf meinem Mist gewachsen war, weil die geniale Idee hat mein Bruder gehabt um ehrlich zu sein. Der hat gesagt, wir machen ganz was Neues, so dass die Leut sagen, so was haben wir noch nie erlebt und, und also generalstabsmäßig richtig. Ja wirklich, weil das muss man, wenn man, und wenn man das nicht tut, dann fällt man, dann ist man so ein Zierkandidat, der mit ein paar Tausend Stimmen abgespeist wird und halt die Liste, wie man so schön sagt, für die Partei bereichert hat. Und das Zweite war dann, wie ich auf der Liste war und immer mehr Zuspruch gehabt hab, und immer mehr Leute zu den Versammlungen gekommen sind, und ich immer volle Säle gehabt hab, und die Leute hie und da ins Schwärmen gekommen sind. Einer ist einmal bei einer Versammlung aufgestanden, ein Akademiker, der hat ???Silbernagel geheißen und war recht ein bekannter Mann und hat gesagt: "Der ist uns von Gott geschickt worden", hat er nach der Versammlung gesagt, mir war es so peinlich. "Der ist uns von Gott geschickt. Also wie der geredet hat und was der uns gesagt hat. Ja wenn wir den nicht wählen, dann sind wir die größten Trotteln." Und dann hat er einen Kraftausdruck verwendet also mit A, "die es überhaupt gibt und so weiter". Mir war es furchtbar peinlich, net, weil ich hab mir gedacht Erde öffne dich, weil das ist. Und hat, ist der katholische Familienverband und der KVW, die damals die stärksten Verbände im Land waren, mobilisiert worden, und der Familienverband hat wirklich einen Kreuzzug gemacht gegen mich. Da ist der Verbandsvorsitzende, ein gewisser Dr. Waldner, ist von Dorf zu Dorf gefahren, von Dorf zu Dorf, er hat mir selber, nachdem er später einer meiner glühendsten Anhänger geworden ist, so ändern sich halt die Zeiten und die kalten Kriege und alles. Und er hat auch gesagt: "Du Hans, ich muss Dich wirklich um Verzeihung bitten, ich hab so gegen Dich gehetzt, und Du bist ganz anders. Und hätt ich es nur früher gewusst, ich wär ein glühender Anhänger von Dir gewesen, aber die Geistlichen haben halt gesagt Du bist ein Kommunist und halt ein Ding, und Du hetzt die Jugend gegen die Kirche auf und so weiter." Was ich nie getan hab. Und der hat wirklich einen Kreuzzug gemacht von, in jedem Dorf hat er gegen mich Versammlungen gemacht, und die sind gut besucht gewesen, und hat halt gesagt kommunistische Gefahr und wir haben da die Eiterbeule im eigenen Haus und halt. Und in Brixen hab ich dann eine Versammlung, nur um zu zeigen, wie groß die Macht der Kirche war. In Brixen hab ich eine Versammlung gehabt im so genannten Großen Kultursaal, wie er damals geheißen hat, da werden so 3, 400 Leute mindestens Platz gehabt haben. Und dann hab ich gesehen, wie die Leute alle so Zettelein gehabt haben und da haben sie Fragen vorgelesen, und eine war kritischer als die andere, und eine war gehässiger als die andere. Und ich kann Ihnen nur sagen, ich war entzückt, verzückt. [Schweitzer: Aufgelegt, oder?] Na, na, das hat mir die Gelegenheit gegeben [Schweitzer: Eben, das war für Sie …] toll zu kontern, toll zu kontern. Und aus der, aus dem Angriff eine Verteidigung zu machen, die mir ungeheuer viel gebracht hat. Ich hab gegen den Willen der Veranstalter und derjenigen, die die Zettelein verteilt haben, mit der man mich fertig machen wollte, hab ich in Brixen einen riesen Erfolg gehabt und fast nach jeder Antwort einen tosenden Applaus gekriegt. Und junge Geistliche sind dann zu mir gekommen und haben gesagt, "das machen wir nicht mehr mit, wir werden Sie unterstützen".

Schweitzer

Ja, weil ich wollt gerade fragen, da waren ja sicher Geistliche dann auch dabei und haben sich die Reaktion sich angeschaut?

Benedikter

Ja, die haben gesagt, "da machen wir nicht mehr mit und wir werden Sie unterstützen". Und so groß war die Macht der Kirche. Und drei Geistliche nachweisbar, es waren sicher mehr, haben am Wahlsonntag von der Kanzel gepredigt man soll alle wählen, nur nicht mich. Und das ist in Italien, wo so viele Wahlfälschungen waren, wie soll ich denn sagen, ein Kriminalverbrechen. Weil da ist eine Bestimmung im italienischen Strafgesetz drinnen gewesen, dass die Strafe, weder Mindest- noch Höchststrafe, die hat es nicht gegeben, es müssen fünf Jahre Haft verhängt werden, wer am Wahlsonntag noch Propaganda für oder jemand macht, muss diese Ding kriegen. Und ich war damals schon geladen muss ich sagen, wirklich geladen, weil ich hab trotz dieser Hetze und trotz der anonymen Flugzetteln und trotz dieser ganzen Gemeinheiten, in Südtirol mehr Stimmen gekriegt wie der Abgeordnete Dietl, der damals ein bekannter Mann war, mehr Stimmen in Südtirol. Und nur durch die Stimmen im Trentino, zu dem ich überhaupt keinen Kontakt gehabt hab, ist er ganz knapp durchgekommen. Hat er mir nie verziehen, was mir leid getan hat, hat er mir nie verziehen, obwohl ich, mein Gott, ich bin heute der Meinung und sag es auch jetzt den neuen Kandidaten wenn sie kommen um sich ein bissel beraten zu lassen: "Wenn Du kandidierst dann musst Du den Willen haben durchzukommen, und sonst lass es, sonst lass es." Weil sonst ist es nur überflüssige Liebesmühe und viel Einsatz und Eifer und Plage, und du musst den Siegerwillen haben, net. Und ich war schon geladen und wollte, net selber, aber waren genügend Leute da, die gesagt haben, wir zeigen das an. Und in der Nacht ist mir eingefallen, ich muss mit dem Dr. Magnago darüber reden, weil der mag mich irgendwie, obwohl er mich oft zum Teufel wünscht und, und, und ich in seinen Augen also alles darstelle. Am schrecklichsten war ja der Wallnöfer, der hat bei jeder Sitzung in Innsbruck, Kontaktkomitee und so weiter, hat er gesagt: "Du wie is es eigentlich mit dem Hans Benedikter, der gründet uns eine sozialdemokratische Partei und der hat so viel mit dem Zechtl zu tun und mit dem und dem und so weiter." Und der Magnago sagt dann: "Na, na, das ist", das glaubt er nicht und so weiter. "Mein Gott Du weißt ja", hat der gesagt, "wie junge Leute sind, Revoluzzer und das legt sich schon" und so halt. Und bin nachher zu ihm gegangen, hat er gesagt: "Ja ich weiß, und das ist eine sehr schwer wiegende Angelegenheit, und da haben sich Leute ganz, ganz grob versündigt. Und die wissen gar nicht, wie das bestraft wird und sind eigentlich aus meiner Sicht nur aufgehetzt worden. Aber ich kann Dir nur einen guten Rat geben, zeig sie nicht an. Denn es wird sonst jahrelang und jahrzehntelang heißen, er hat Geistliche angezeigt." Und dann hab ich es Gott sei Dank nicht getan und später haben mich dann von den drei Leuten, zwei haben mir geschrieben und haben geschrieben, es tut ihnen so unendlich Leid und sie haben in der Zwischenzeit kennen gelernt, ich war in einem Ort und, und es war leider Gottes ganz anders, und man wird oft getäuscht und halt. Sie waren sehr, sehr nett, und die Briefe hab ich mir aufgehalten, und es ist ja auch Zeichen, dass man, eigentlich sehr positiv, dass man Fehler bekennt, weil es fällt niemand leicht zu sagen, ich hab falsch gehandelt. Ich komm dann sofort. [Kurze Pause.] Also so viel Niederungen, also mir tun oft das Herz weh, wirklich.

Schweitzer

Ja, ja. Gut wobei man …

Benedikter

Ich mein ich mag die Merkel schon nicht und muss mit ihr leben, ich meine, und leide darunter, dass eine Frau, deren größte Qualität darin besteht, immer abzuwarten, wo bildet sich eine Mehrheit, und dann setzte ich mich an die Spitze dieser Idee, die von einem klugen Team beraten wird, das erkannt hat, ich muss dem politischen Gegner eigentlich kurz vor den Wahlen nur die ganzen Wahlargumente wegnehmen, übernehmen. Das machen wir und wir machen es besser, Mindestlohn und so weiter, net. Und an der alles abperlt, sie ist eine der Hauptverantwortlichen für diese tiefgehende Finanz- und Wirtschaftskrise, weil sie mit dem Schäuble und auch mit der FDP diese ganze Deregulierung der Märkte mitgetragen hat. Die Märkte machen alles selber, man hat ja gesehen mit welchen Erfolgen. Trinken Sie net an Schluck? [Schweitzer: Na ich glaub es ist genug, danke.] Und mit der muss ich schon leben und ich tu mir schwer, wirklich. Aber die österreichische Innenpolitik ist ein, ein Graus, wirklich ein Graus. Weil so viel Intrigen und ungute Dinge und, und auf niederem Niveau, wirklich auf niederem Niveau.

Schweitzer

Ja, und Mangel an irgendwelchem Weitblick oder Mangel an, also von Visionen …

Benedikter

Na, es sind auch, es fehlen auch überhaupt, es fehlen einfach wirklich gute Leute. Ich meine, ich lass am ehesten noch den Pröll gelten, weil der Pröll macht in Niederösterreich seine Sache ordentlich, net. Aber sonst, ich meine wenn man so denkt Spindelegger und auch der SPÖ-Parteivorsitzende, [Schweitzer: Faymann, Faymann.] mehr als lächeln eigentlich bringt er nicht zu Stande um aufrichtig zu sein. Und andere gute Leute, die waren, die sind in Korruptionsaffären verwickelt und das, grausig, richtig grauslich.

Schweitzer

Jetzt bin ich dann eh gespannt, wie es im Herbst ausgehen wird, also vielleicht kriegen sie eine Quittung präsentiert. Man weiß es nicht.

Benedikter

Ja mein Gott, was ist da, ich meine zwischen Blinden, Halbäugigen, Beinamputierten [Schweitzer: Na, Sie haben vollkommen recht.] Kopfamputierten, was wähl ich da.

Schweitzer

Na eh, Sie haben vollkommen recht, aber was sich jetzt aus meiner Sicht tatsächlich ein klein wenig in Österreich verändert hat ist, dass offensichtlich die Grünen, die [Benedikter: Ja Gott sei dank.] in keine Korruptionen verwickelt sind, [Benedikter: Ja, Gott sei Dank, aber) dass die für einen größeren Teil wählbar sind, und sie sind ja in drei Ländern [Benedikter: Ja, Sie haben recht.] auch in der Landesregierung vertreten.

Benedikter

Gott sei Dank haben sie das gesagt, weil [Schweitzer: Ja alles Andere ist …] erstens wird mir ums Herz warm, wenn ich hör, dass sich Leute für die Umwelt einsetzen, und Sie wissen ja, dass das für mich das wichtigste und größte Problem überhaupt ist, aber unabhängig davon sind sie, stellen sie die Gerechten dar, die Sodom und Gomorra gerettet haben. Und das ist gut, da bin ich, das war das Stichwort, das mir entfallen ist, ja. Gott sei Dank. Die Ausnahme von der Regel. Und wenn sie, und wenn sie kräftig zulegen, dann wär das eine ganz große Sache.

Schweitzer

Also ich muss Ihnen ehrlich sagen, die Hoffnung dass sie kräftig zulegen, hab ich aufgegeben, aber vielleicht nehmen sie ein wenig zu, also.

Benedikter

Ja, zumindest. Na man weiß nicht, ich meine zum Beispiel in Tirol haben sie sich gut geschlagen, die Tiroler sind nicht grad berühmt für ihr Umweltbewusstsein.

Schweitzer

Wobei das Inntal und vor allem dann auch rauf richtig Brenner, die leiden natürlich unter dem ganzen Transit schon sehr.

Benedikter

Ja, aber sie sind auch furchtbar zerstritten. Es ist leider Gottes das, was ich, was mir so missfällt. Da gründet oder entsteht einmal eine richtige Bewegung mit guten Grundzielen und so weiter. Und kaum sind sie gewählt dann kommt der Hader und Abspaltungen und schrecklich, net. Als ob man nicht über alle Dinge erstens reden kann, aber da sind viele zu stur dazu und viel zu selbstgefällig und viele zu rechthaberisch. Man kann über alle Dinge reden, man kann völlig unterschiedlicher Meinung sein, weil wenn Sie mir sagen würden, ich bin mit alldem was Sie gesagt haben zu hundert Prozent nicht einverstanden, deswegen würde sich für mich überhaupt nichts ändern, denn das ist a ihr gutes Recht, b wüsste ich einige Gegenargumente, die würd ich ins Treffen führen. Aber ich würde nie eine persönliche Kränkung oder sonst irgendetwas ableiten, weil das Recht muss man einfach haben in einer Demokratie.

Schweitzer

Aber ich glaub tatsächlich, dass das auch ein wenig ein Manko der, vielleicht auch Deutschsprachigen ist, also sei es jetzt in Deutschland oder in Österreich, dass die eigentlich ganz schwer mit Kritik umgehen können. Kritik ist sofort persönlicher Angriff und nicht, also Kritik kann ja auch etwas sein, jemanden einfach im Denken weiter zu bringen, ja, oder seine Ideen zu schärfen.

Benedikter

Ja es gibt einen Unterschied zwischen Österreich und Deutschland. Der Unterschied besteht darin, dass in Deutschland diese Dinge auf einem relativ hohen Niveau ausgetragen werden, und in Österreich leider Gottes jetzt schon unter Kellerniveau. [Schweitzer: Ja das stimmt.] Das ist das Traurige. Denn sonst hätt ich gegen Diskussionen, wo auch die Meinungen zusammenprallen und oft mit Wucht und oft mit Ungestüm nichts einzuwenden.

Schweitzer

Na eben, ich find so was ja eigentlich auch was Bereicherndes. Also wie Sie vorher gesagt haben …

Benedikter

Streitkultur [Schweitzer: Genau.] Streitkultur. Für mich gehört eigentlich erinnerungsmäßig manches was mit diesem Begriff zu tun hat zu den schönsten Erinnerungen, die es gibt. Weil man, zum Beispiel zu Magnago, wie wir dann so ein gutes Verhältnis gehabt haben. Wir waren so verschiedener Meinung bis zum Schluss. Er hat mich vor dem Nachfolger, den ich aufgebaut hab, so gewarnt. [Schweitzer: Das haben Sie das letzte Mal erzählt.] Machen Sie, mach net den Fehler und schau, ich beschwör Dich und was weiß Gott. Und ich hab. Aber das gehört dazu, das gehört dazu, man kann, das Schlimmste ist wenn, eben, man hat es ja gesehen in der Geschichte, gleichförmig denkt, gleichförmig. Alles wird nach einer bestimmten, alles wird abgezirkelt und genau bemessen, und dann marschieren wir in die falsche Richtung.

Schweitzer

Ich hätt noch zwei Themen, die ich noch ganz gerne mit Ihnen besprechen würde, aber wenn es Ihnen zu viel wird, dann müssen Sie es mir aber auch sagen.

Benedikter

Nein, nein, ich mach es ganz kurz und bündig.

Schweitzer

Also wegen mir wirklich nicht, weil ich find das ganz, ganz spannend, wenn Sie viel erzählen, weil es für mich dadurch auch plastischer wird das Ganze. Also es ist eher …

Benedikter

Aber ich bin schon so blass, dass ich als, als Gruselfigur im Wachsfigurenkabinett …

Schweitzer

Na, auf keinen Fall. Na, aber also wenn es Ihnen zu viel wird … [Benedikter: Na, na, mir wird gar nichts zu viel.] dann müssen Sie mir es einfach sagen. [Benedikter: Ja, ja, gern.] Schließt ein bisserl an das Vorherige an, weil ich mir denk, da hat es ja sehr enge Kontakte gegeben. Wir haben vorher über die Dolomiten schon kurz angesprochen, ja, die ja schon lange Zeit bis heute eine prägende Rolle in der öffentlichen Meinung in Südtirol spielt, und die Ihnen ja auch nicht wohl gesonnen war.

Benedikter

Ich hab, ja ich hab, um kurz zu sein, mit den Dolomiten alle Höhepunkte und alle Tiefpunkte erlebt. Das heißt in den ersten Jahren bin ich zwischen angegriffen, verleumdet, totgeschwiegen, alles worden, ich war, wie gesagt ein, einfach ein Feind, ein Mensch, den es in Südtirol nicht braucht, den es in dieser Ausformung nicht geben dürfte, der das heilige Bild des heiligen Landes Tirol in Frage stellt und gefährdet, allein durch seine Präsenz. Eine, wie soll ich denn sagen, überflüssig, unnütz und schnell auszuradieren. Dann eines Tages hat mich der Ebner senior angesprochen, dann haben wir sehr gute Kontakte entwickelt zu ihm und nur zu ihm, direkt eine Freundschaft, die bis zu seinem Tode gedauert hat. Mit seinem Tod bin ich von einem Moment zum anderen wieder in Ungnade gefallen, und alle Verbindungen sind gekappt worden, und ich bin eigentlich nur mehr totgeschwiegen worden. Und dann hat es inzwischen, grad nach meinem Abschied dann aus der Politik, so Phasen gegeben, wo man mich so ein bisserle toleriert hat und so weiter, aber weiter nicht. Ich hab immer die Meinung vertreten, man muss unterscheiden die Rolle der Athesia, der Dolomiten, in schwierigen Zeiten war so, dass sie für das Land viel getan haben, und dass sie eine mit prägende und entscheidende Rolle gespielt haben, um das Land auch vor Gefahren zu schützen. Weil wenn sie zum Beispiel bei den, bei der ersten Bumser, bei den ersten Bumseraktionen, das eher begrüßt hätten und so weiter, dann wär wirklich eine Art Aufstand, und der wäre im Blut ertränkt worden. Und so haben sie das scharf verurteilt, aber zugleich auch die Frage gestellt, also warum dies alles und sagen wir, ich glaube, dass sie da eine sehr verdienstvolle Rolle insgesamt gespielt haben, die von der Bevölkerung lang nicht verstanden worden ist. Die Dolomiten in den ersten Jahren nach Kriegsende mit Kanonikus Gamper und so weiter, also da muss ich sagen Hut ab, da haben sie viel getan für den Zusammenhalt auch der Volksgruppe und so weiter. Und dann kommen natürlich die negativen Seiten, dass sie in dem Moment, wo sie Konkurrenz gekriegt haben, sich damit nicht abfinden konnten und darauf ein Feindbild entwickelt haben. Und dann entweder die gegnerischen Blätter oder die Konkurrenzblätter aufgekauft haben und übernommen haben, oder versucht haben sie tot zu kriegen. Das ist die andere Seite. Sicher ist, dass heute die Medienvielfalt viel größer geworden ist, und dass sie lang nicht mehr die Rolle spielen, die sie einmal gespielt haben, denn heute gibt's die Tageszeitung, die viel gelesen wird und recht gut gemacht wird und vor allem dafür sorgt, dass sehr viele Skandale aufgedeckt werden, was ganz, ganz wichtig ist. In der Hinsicht gehört ihnen ja eine Medaille verliehen. Und die ff, von der die neuesten Gerüchte besagen, dass die Dolomiten sie über irgendwelche Mittelsleute aufgekauft hätte. Und ich hab noch keine Gelegenheit gehabt, das ein bissel abzuchecken, weil ich zwar Verbindungen hab auch in diesem Lager, und die Leute, die ich dann kontaktieren werde, wenn sie zum Teil aus dem Urlaub zurückgekommen sind, die wissen da schon Bescheid. Aber im Moment bin ich überfragt, denn es kann sich auch nur um Gerüchte handeln, Gerüchte werden bei uns viele in die Welt gesetzt und die meisten sind nicht wahr. Weil es wird viel getratscht und geplappert und dann weiter erzählt und vergrößert und so weiter, wie überall, wir unterscheiden uns nicht, wir sind ja keine eigene Spezies Mensch, sondern genauso wie, ich sag immer, ein mein, was heißt Tirol, wenn das so herausgestellt wird. Sag ich Kärntner, Steirer, Niederösterreicher sind alle eine Spezies für sich. Aber sie gehören halt zu einem größeren, zu einer größeren Einheit. Und ich hab den Unterrichtsminister Drimmel sehr gern gehabt, es war ein wahnsinnig gescheiter Mensch, ein ganz großer Freund unseres Landes, der hat mir die Genehmigung damals gegeben früher abzuschließen. Und er war wirklich gescheit, nur die größte Sünde, die er jemals hat begehen können war, eine eigene österreichische Sprache zu kreieren. Und das natürlich geht nicht, denn ich meine auch die Geschichte zeigt, ich meine, dass man nach dem Ersten Weltkrieg den Anschluss wollte und zwar bis zum Körner und. Und ich glaub die Dolomiten täten gut daran sich zu öffnen. Wenn sie, ich hab es ihnen auch gesagt, aber da ist es so, dass man sich besser die Worte sparen würde, denn ich haben ihnen gesagt, wenn ihr schreibts "Tagblatt der Südtiroler" dann bedeutet das, dass man der Vielfalt gerecht werden muss. Man hat das zum Teil getan, weil jetzt zum Beispiel über die Freiheitlichen oder über andere politische Formationen wird wenigsten auch berichtet, früher sind sie nur tot geschwiegen worden. Und jetzt je stärker sie werden umso mehr trägt man ihnen auch Rechnung. Also ganz verstockt sind sie nicht, das kann man ihnen nicht sagen, aber man müsste, das was die Dolomiten aus meiner Sicht völlig falsch machen, vor allem journalistisch falsch machen, und damit allen Prinzipien des Qualitätsjournalismus, weil sonst ist es eine gute Tageszeitung für ein kleines Land, da kann man nichts sagen. Wo man den journalistischen Qualitätsprinzipien also nicht nur widerspricht, sondern sie zum Teil auf den Kopf stellt ist, dass wenn man irgendjemand angreift, müsste man eine eigene Spalte kreieren, wo die Gegenmeinung veröffentlicht wird. Und der Betroffene müsste immer selbst die Möglichkeit haben, seinen Standpunkt zu äußern. Ich hab ein Leben lang dafür gekämpft, völlig vergeblich, nicht nur auf die Dolomiten bezogen, sondern auch auf andere Organe, es ist einfach nicht möglich, weil man sagt dann, ja, wir haben ja die Leserbriefe. Dann sag ich ja, das eine ist auf redaktionellen Seiten groß angegriffen zu werden und kritisiert zu werden, und dann in eigener Sache einen Leserbrief zu schreiben. Und das ist Dolomiten, ich meine, aber ich tät sagen, dass wir heute bei der Medienvielfalt auch durch die neuen elektronischen Medien, die ja eine immer größere Rolle spielen, also große Fortschritte gemacht haben. Wenn wir auf allen Ebenen solche Fortschritte gemacht hätten, dann könnte man zufrieden sein.

Schweitzer

Aber ist stell mir das ja ganz schwierig vor, wenn Sie da nach Anfang der Sechzigerjahre aus Österreich zurück kommen, sind Referent, Pressereferent für die Partei, und werden aber von der Dolomiten nicht …

Benedikter

Ja aber der Magnago, der Magnago ist auch von den Dolomiten geschnitten worden, das war ja das Gute [Schweitzer: Aso?] ja, und wie [Schweitzer: Ah, das weiß ich nicht.] und hat dann, hat dann zeitweilig jeden Kontakt abgebrochen und zum Beispiel zum Alto Adige, zur italienischen Zeitung, die einige Male ganz gehässige Dinge verbreitet haben, die nicht gestimmt haben, hat er gesagt: "Die offiziellen Pressemitteilungen gehen in Zukunft nicht mehr an den Alto Adige." Und dann ist es besser geworden. Und ja mein Gott Magnago, wie er das erste Mal kandidiert hat, hat man ihn angegriffen weil man gesagt hat, das ist ja ein halber Italiener und ja. Aus einer Schublade, die damals natürlich sehr gängig war, er ist auch nicht durchgekommen, das hat er ihnen nie verziehen, nie verziehen. Er war immer, wie soll ich denn sagen, hat immer großen Abstand gehalten, net. Ich weiß, dass zum Beispiel, ich wollt einmal das Buch über ihn, weil ich gebeten worden bin von meinem Kollegen Michel Ebner, der hat gesagt, mach ma das doch gemeinsam, und ich hab mir gedacht, ja es spricht eigentlich nichts dagegen, weil schreiben tu ja ich es, und er macht, er kümmert sich halt dann um die Bilder, und die sind eh im Archiv zugänglich, vor allem im Privatarchiv Magnago. Und sie haben selber auch ein großes Archiv, da spricht nichts dagegen. Und dann hat auch eine etwas eigennützige Absicht eine Rolle gespielt, die ich auch nicht verschweigen möchte, dass ich mir gedacht hab, dann wird das Buch natürlich ungeheuer [Schweitzer: Beworben.] umworben und beworben, und eine Veröffentlichung jagt die andere, und das kommt dann, die Honorare sind ja so, dass man sie vergessen kann, da kann man jemand zum Essen einladen, mehr nicht. Weil ich mein man kriegt 7,5 % bei der Athesia und die muss man a versteuern und b und b wird dann noch ein bestimmter Prozentsatz abgezogen und so weiter. Weil die ganzen Exemplare, die sie verschicken und, und die. Also [Schweitzer: Lohnt es sich nicht wirklich.] finanziell tut mir jeder derbarmen, der davon leben müsste, weil ich hab wirklich, die Bücher, die ich geschrieben hab, waren alles Bestseller, aber, aber finanziell war es wirklich lächerlich einfach, net. Und da hat der Magnago gesagt, kommt überhaupt nicht in Frage, also dann schreiben wir es lieber nicht und so weiter, da bin ich ganz dagegen und so weiter. Und ich hab dann dem guten Kollegen beibringen müssen, dass er, und er war stocksauer und beleidigt und, na ja. Und das war, das war eigentlich kein großes Problem, außer dass es natürlich im parlamentarischen Alltag dann schon ein Problem ist, wenn man total tot geschwiegen wird, weil die Leute sagen, ja von dem hört man nichts. Und wenn man nichts hört, dann tut er offenbar auch nichts. Und dann hätt ich auch für eine bestimmte, zum Beispiel für meinen Bruder halt, mich mehr kompromissbereiter für verschiedene Dinge zeigen müssen. Und ich hab gesagt, die Kompromissbereitschaft geht unendlich weit, aber nicht wenn es um Prinzipien geht, von denen ich ein ganzes Leben lang überzeugt war und mit denen ich auch sterben möchte. Das nenn ich positive Sturheit, ja.

Schweitzer

Aber das heißt in, jetzt in den Sechziger-, Siebzigerjahren, also vor allem in den Sechzigerjahren, würden Sie sagen, die Dolomiten war eine Zeitung, die bestimmte Richtungen in der SVP protegiert hat [Benedikter: Ja, ja.] oder die versucht hat ihre eigene Politik zu machen?

Benedikter

Auch, beides, beides ist richtig, beides ist richtig. Und die vor allem, und das geht eigentlich bis heute, furchtbar gerne entscheidend mitspielen möchte. Und ich habe ihnen immer gesagt, eure Rolle wär die des Schiedsrichters. Ich kann net pars in causa sein, net, das geht nicht gut, pars in causa geht nicht.

Schweitzer

Dann hätt ich noch einen letzten Aspekt, der mich interessieren würde. Es hat ja zu dem Zeitpunkt dann auch einige italienische, also Parteien für die italienischsprachige Bevölkerung gegeben. Sagen wir die ganze Bandbreite, MSI ist natürlich, war nie ein Ansprechpartner, aber gab es zum Beispiel mit den anderen Parteien Kontakte? Also ich denk jetzt gerade auch an die Sozialisten, beziehungsweise Sozialdemokraten, wo es doch zumindest jetzt aus Ihrer Sicht, inhaltliche Anknüpfungspunkte gegeben hat. Also Sie haben vorher den Berloffa erwähnt.

Benedikter

Ja, wir sind immer, die Italiener waren laut Autonomiestatut immer in der Landesregierung vertreten. Also somit war's nicht, war kein positiver oder negativer Ermessensspielraum. Wir haben vorwiegend, die Partei hat vorwiegend mit der Democrazia Christiana zusammengearbeitet, weil man gesagt hat, wir sind eine Art Schwesterpartei, net, und es war ja auch ein erbitterter Krieg in den Achtzigerjahren noch, ob man sich da der christlichen Internationalen und der EVP im Europaparlament und so weiter anschließt. Und man war auch die ganze Zeit dabei und jetzt ist man ein bisserl autonomer geworden. Jetzt ist es so, dass die italienische Parteienlandschaft nach der Zerschlagung der DC und des PSI so zersplittert ist, dass wir wiederum wieder wenig Ermessensmöglichkeiten haben. Denn Parteien mit denen wir vielleicht gerne zusammenarbeiten müssten, die haben kein Gewicht, haben keine Vertretung und so weiter. Das ist zum Beispiel bei den Sozialdemokraten, die gibt es nicht mehr im Prinzip. Der letzte der in der Landesregierung vertreten war, der Sfondrini, ist kürzlich hoch betagt gestorben. Und mit Berlusconis PdL und vorher Alleanza Nazionale mit Fini und so weiter, wollten wir aus guten Gründen nicht zusammenarbeiten, und das glaub ich versteht jeder, der die Gehässigkeiten der Biancofiore und anderer Vertreter, ich meine, das ist ja. Ich denk mir oft, also, wie soll ich denn sagen, politisch, politisch verkalkt, unbeweglich, nicht mehr im Stande das eigene Denken zur Geltung zu bringen, das versteh ich bei einem verkalktem Neunzigjährigen, aber bei einer jungen Frau, die sich so prostituiert, die sagt Silvio ist mein Gott und was weiß Gott und, und. Ja schrecklich, schrecklich, ich meine. Und da ist es so, dass wir in einer sehr unguten Situation sind, weil wir kommen, das kann man wirklich auch der Partei zubilligen, der ich längst schon skeptisch und zum Teil ablehnend gegenüber stehe seit vielen, vielen Jahren, wir kommen den Italienern wirklich überall weit entgegen, weit entgegen. Und für viele Leute zu weit. Sie sind fast in vielen, sagen wir sie sind in vielen Körperschaften und so weiter, weit über ihr Gewicht hinaus vertreten. Es gibt nach wie vor Körperschaften, wo fast nur Italiener drin sind, wir brechen hie und da unsere Prinzipien, was im Einzelfall ja ganz gut ist, mit der Zweisprachigkeit, mit der, mit verschiedenen Dingen, die vom Autonomiestatut vorgeschrieben sind. Wir haben sogar, was ich sehr fragwürdig empfinde, die Idee jetzt schon lanciert, ja vielleicht können wir in den nächsten Jahren den ethnischen Proporz abschaffen. Und das wär nicht gefährlich wegen des ethnischen Proporzes, sondern gefährlich, weil wenn einmal ein Paket aufgeschnürt wird, dann ist es offen, net.

Schweitzer

Vor allem kann Südtirol dann nicht mehr argumentieren Monti, oder jetzt Letta nimmt uns die Autonomie weg.

Benedikter

Das mein ich ja, na, na, aber vor allem ist es so dann, dass der Präzedenzfall, und da ist nach dem italienischen Rechtsspiel der Präzedenzfall, das italienische Recht ist ja ein reines Formalrecht, und der Präzedenzfall wird dann immer hergezogen um neue Dinge zu rechtfertigen. Ja das ist ja bereits so und so. Und der Richter im übertragenen Sinn, in dem Fall die Politiker, haben dann wenig Spielraum. Und da weicht man etwas von innen auf, weil ich bin der Meinung, man kann ihnen in gewissen Situationen noch weiter entgegenkommen, aber man müsste etwas, man könnte ihnen unendlich weit entgegenkommen, sogar bis zur, net bis zur Opferung eigener wichtiger Positionen, aber in der Alltagspolitik hätte ich keine Probleme. Nur müssten sie einmal bereit sein, den Rütlischwur abzulegen, und zwar glaubwürdig, indem sie sich zur Autonomie und zu den ganzen Errungenschaften, von denen sie zehren, net, weil es gibt keine Volksgruppe in ganz Italien, der es so gut geht wie den Italienern in Südtirol. Und sie haben nichts dazu beigetragen, sondern haben alles immer sabotiert und bekämpft und gehetzt dagegen, net. Also sie genießen die Segnungen, und ganz ungerecht ist es ja bei Trient, weil Trient sind voll Italiener, haben die gleiche Autonomie wie wir ohne Belastungen aber, und das wird dann noch so als Ding, Raum übergreifend und so weiter, da genauso mit der Region und so weiter. Da hab ich große Schwierigkeiten, weil die Region ist eine Geldverpulverungsmaschinierie, die keine Zuständigkeiten hat, keine Existenzberechtigung, die sich längst schon überlebt hat. Ein typisches italienisch geprägtes Diskussionsorgan, wo die Leute, mein Gott ich bin mit dem Franz Pahl seit vielen Jahren befreundet, ist ein, stammt aus meiner Schicht sagen wir, die ich großgezogen hab, und er war viele, viele Jahre Präsident des Regionalrates ein sehr guter, aber er selber hat gesagt, also die Zuständigkeiten sind alle an das Land übergegangen. Er hat gesagt: "Ich muss", er war dann stellvertretender, stellvertretender Landeshauptmann eine Zeit lang, beziehungsweise hat den, hat die deutsche Sprachgruppe im Regionalrat also angeführt, und hat gesagt: "Du kannst Dir gar nicht vorstellen wie schwierig es ist, viel Geld zu haben, und keine Zuständigkeiten. Und ich mach aus der Not eine Tugend und hab zum Beispiel ein Referat für Europa geschaffen, und kann damit, und hab damit x Leute nach England an Universitäten geschickt und Leute, die in Bournemouth Sommerkurse absolviert haben und gut Englisch gelernt haben." Und hat die Kontakte zu Kroatien und zum ganzen Raum da ausgeweitet. Weil er kreativ denken kann und gesagt hat, mein Gott ich muss was erfinden. Aber es waren keine Zuständigkeiten, es ist nirgendwo ersichtlich, und die Leute haben zum Teil auch gesagt, ich meine, mit welchem Recht macht er das eigentlich. Und da, da hab ich große Schwierigkeiten und ich glaub, dass wir da auch sehr schwierigen Zeiten entgegen gehen, denn es ist auch für uns schwierig in einer italienischen Parteienlandschaft auf nationaler Ebene uns zu bewegen, die nur mehr aus Chaos besteht, net. Aus Chaos, aus Anwürfen, noch, ich hab mir gedacht, die österreichische Grenze kann nicht unterschritten werden, net, aber sie kann es doch. Weil das was sich im Parlament hie und da abspielt, und was der Grillo über die Parlamentarier sagt und über das Parlament, also ein Scheißhaus und so übersetzt, also ich meine. Man tut sich nur mehr schämen. Ich, wenn ich italienische Zeitungen aufschlag, und ich muss sie täglich lesen um informiert zu sein, dann komm ich hie und da zum Mittagessen, und dann sagt die Elfi, warum bist denn so ernst, dann sag ich weil mich, ich hab jetzt die beiden großen italienischen Tageszeitungen gelesen wie jeden Tag, Corriere della Serra und die Republica, und sogar diese Zeitungen sind heute auf einem Niveau, wo einem schlecht wird. Und es ist so traurig, dass dieses einstmals so großartige Kulturvolk, das so viel für die europäische Kultur getan hat und das von mir deswegen auch immer bewundert worden ist, heute so verkommen ist, heute nur mehr Neid und Hass und Pöbeleien. Und die elektronischen Medien haben ja das Ganze noch vervielfacht, weil was da auch in Südtirol, die Dolomiten haben ein Dings "stol" heißt's und die Tageszeitung hat eins. Also ich kann Ihnen sagen, ich hab es oft gelesen, also nach einem Artikel über ein bestimmtes Reizthema, 60, 70, 80 Eintragungen und so weiter, davon zwei Drittel, drei Viertel, eher drei Viertel als zwei Drittel, also unterste, unterste Schublade, Auswurf der Menschheit. Und dann soll man net deprimiert sein, net. Natürlich ist man deprimiert, weil es, man kapselt sich auch deshalb, ich bin ja ein sehr kontaktfreudiger Mensch, aber ich geh zu vielen Dingen überhaupt nicht mehr hin, weil ich das Ganze einfach nicht mehr hören will und denk lieber an die Kathedrale von ???Ely und an diese Dinge, net. Gut das ist auch das Vorrecht des Alters, man hat, man hat, wenn man älter wird nur mehr einen sehr kostbaren Schatz, nämlich jenen der eigenen Erinnerungen, und ich hab ein sehr interessantes Leben gehabt, hab unglaublich viele interessante Dinge kennen gelernt, interessante Menschen, war oft mitten in größere Spiele verwickelt, die für einen kleinen Bergbauernbuben also wirklich groß genug waren. Und bin eigentlich mit all dem recht zufrieden, und dass ich mir die innere und äußere Unabhängigkeit bewahrt hab, das sowieso. Aber sonst wird einem der Abschied aus dieser Welt sehr leicht gemacht, wirklich, sehr, sehr leicht. Ich geh oben durch die schönen Buchenwälder, die so einzigartig sind, die so groß sind, Bäume, die in den Himmel ragen wie die gotischen, wie in den gotischen Kathedralen die alles tragenden Säulen. Und der Mensch wenn er sich drunter stellt, ich hab hie und da Aufnahmen gemacht, hab gesagt, Elfi bitte sei so nett, stell dich unter den Baum, und wenn man nicht ein Weitwinkelobjektiv hat, dann kann man den Baum gar nicht aufnehmen, so groß ist er. Und der Mensch ist so eine winzige Ameise und dann denk ich mir, was sind wir für armselige Geschöpfe, die, alles nehmen wir so ernst und selber nimmt man sich furchtbar ernst und meint man sei wichtig und so weiter. Wir sind kleine Ameisen, nichts weiter. Und spielen eine kleine Rolle und meinen wir haben mit der Weltpolitik zu tun und merken gar nicht, dass wir eigentlich Narren sind. Aber Shakespeare sagt es ja viel schöner, weil da ist der Narr immer der wirklich Weise: Es ist ein Märchen, von einem Narren erzählt, voll Unsinn und bedeutet nichts. Aber es bedeutet alles nämlich, ja, das ist das Schöne. Und ich bin einmal gefragt worden, das zum Abschluss, "was würden Sie", hat jemand, eine deutsche Zeitung, mich einmal gefragt: "Was würden Sie, wenn Sie auf einer einsamen Insel stranden würden, mitnehmen?" Dann hab ich gesagt: "Das was ich mitnehmen würde wäre die pure Verzweiflung, weil ich so patschert bin, dass ich mich überhaupt, selbst wenn die Bäume voller Früchte wären, ich würd wahrscheinlich verhungern. Weil ich zwei linke Hände hab. Aber mitnehmen würd ich mir die Bibel, weil, grad weil ich kein gläubiger Mensch bin, aber weil es ein großes, einzigartiges, literarisches Kunstwerk ist, die Bergpredigt oder, oder die Maria-Verkündigung, mit diesem wunderbaren Vergleich, also dass, das Kind hüpfte vor Freude in ihrem Schoß. Wer kann das schöner formulieren." Man sagt ja auch das Kind unterm Herzen tragen, ist auch so ein wunderbarer Ausdruck, der eigentlich allein schon ein Kunstwerk ist. Und oft sind da die kleinen Dinge, ich bin ja ein großer Anhänger von Stifter, großer Anhänger von Stifter und erinnere mich immer an den Vergleich, der Mensch kann Monumentalbauten bauen, und ein Erdbeben kommt und zerstört alles, aber die kleinen Halme, die sind so biegsam, der Wind weht sie hin und her, und das sind die kleinen Wunder, die die großen eigentlich erst erklären und möglich machen. Und einfach ein wunderbarer Vergleich und ein wunderbares Werk, und ein Mensch der's, wie so viele österreichische und deutsche und französische und englische Schriftsteller, so schwer gehabt hat, net. Und von den Musikern ganz abgesehen. Und ich glaub, ich glaub einfach, dass es letzten Endes, na, ah jetzt bin ich abgeschweift. Was würde ich noch mitnehmen? Eine Anthologie der deutschen Gedichte von Beginn bis weit über Benn hinaus. Auch der Weinheber gehört dazu trotz seiner Vergangenheit, wunderbare Gedichte geschrieben, wunderbare. Glocken und Zyanen, Thymian und Mohn, ach du fernes Ahnen, ach ein fernes Ahnen, hat das Herz davon. Ach Gott, ich meine, es gibt so wunderbare Dinge. Und dann bei der Bibel die Paulus, das über Glaube, Hoffnung, Liebe und so weiter. Hab ich mir auch gewünscht, wenn ich einmal sterben werde, dass das in den Mittelpunkt gestellt wird, also nur das. Und ich hab jemand schon gebeten, der gesagt hat, er wird mir die Grabrede, er möchte gern meine Grabrede halten, hab ich gesagt: "Wahrhaft bitte. Nicht, ich mag nicht verherrlicht werden, denn je ehrlicher man jemand mit all den guten Taten, die er vollbracht hat schildert, aber zumindestens die Schwächen und Fehler und Irrtümer und Unzulänglichkeiten anklingen lässt", weil ich hab gesagt, "sonst ist die letzte Lüge wird dann am Grab zelebriert. Und dann dreh ich mich um", hab ich gesagt, "und werd ein Vampir, ich möcht sowieso, ich hab den unseligen Wunsch, als Vampir zurückzukehren und viele Leute zu beißen, net." Also für das würd ich alles geben, also das wär …

Schweitzer

Wer weiß, wer weiß?

Benedikter

Ja ich sag ja, denn meine Frau sagt, da, da bin ich guten Mutes. Dann sag ich und wenn, und wenn? Weil da hat der Louis Durnwalder einmal so nett erzählt, er hat mit einem Kapuzinerpater mit einem recht intelligenten diskutiert, und hat gesagt: "Mein Gott, Mariahimmelfahrt und Christihimmelfahrt und das übers Wasser wandeln, das sind ja lauter Märchen, ich mein das sind Fabeln und für gläubige Menschen, die man halt dann in Abhängigkeit gehalten hat und ein Jenseits gibt's sowieso net und Gerechtigkeit auch net, und so weiter." Und der hat ihn angehört und angehört und angehört und hat gesagt: "Und wenn?" Das war das einzige was er gesagt hat: "Und wenn?"

Schweitzer

Gscheit, wirklich sehr gscheit.

Benedikter

Ja, gscheit, gell. Mit zwei Sätzen und einem Fragezeichen hat er praktisch das Gleichgewicht der Argumentation wieder hergestellt, net.

Schweitzer

Aber ich glaub wenn Sie heutzutage auf einer einsamen Insel landen würden, würden Sie wahrscheinlich auch Ihr Standardwerk über die gotischen Kirchen mitnehmen, oder?

Benedikter

Die sind zu schwer, die würd ich nicht tragen können.

Schweitzer

Ist zu schwer, da würd wahrscheinlich das Floß sinken.

Benedikter

Das wiegt zwölf Kilo. Aber das was ich mitnehmen würde, wär auch das Gesamtwerk von Shakespeare. Das würd ich unter allen Umständen mitnehmen, weil ich glaub ich wirklich sagen kann, ich hab alles gelesen, alle seine Werke, auch die schwächeren, die auch noch großartig genug sind, die Sonette und. Für mich ist er einfach, wie soll ich denn sagen, eine Ausnahmeerscheinung. Und dass die Engländer ihn haben, darum beneide ich sie. Denn man braucht Goethe und Schiller und Grillparzer gemeinsam, um einen Shakespeare darzustellen. Ob es ihn gegeben hat oder nicht, das spielt für mich überhaupt keine Rolle, entscheidend ist das Werk.

Schweitzer

Das Werk, genau. Na das ist doch ein schöner Schluss, oder?

Benedikter

Ich glaub auch.

Schweitzer

Dann bedanke ich mich wieder einmal herzlichst bei Ihnen.

Benedikter

Es gibt überhaupt nichts zu danken.

[Ende des Interviews. Dauer: 2 h 47 min.]


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