Am 1. März 1970 saß ich, damals 21 Jahre alt, vor dem Fernsehapparat und konnte nicht glauben, dass Bruno Kreisky die Wahl tatsächlich gewonnen habe. Auf dem Hauptplatz von Knittelfeld versammelten sich spontan die Menschen und zogen feiernd durch die Straßen. Von da an sollte sich vieles ändern: Das verstaubte, noch immer nach Nazimief riechende Österreich wurde kräftig durchgelüftet. „Reform“ war damals noch kein Schimpfwort, sondern ein Begriff der Hoffnung, der Zukunft, der Verbesserung der Lebenschancen.
1978 wurde ich Bruno Kreisky in Graz vorgestellt, wenige Wochen vor der Abstimmung über das Kernkraftwerk Zwentendorf. Inmitten einer großen Menschenmenge hörte sich Kreisky meine Argumente ruhig an, und seine Antwort ließ mich kurz glauben, er sei, wie ich, eigentlich ein erklärter Gegner der Kernkraft. Ja, er konnte wirklich zuhören und auf einen Gesprächspartner eingehen.
Vor ein paar Jahren habe ich seine Memoiren gelesen – und mich erinnert an eine Zeit, in der Politik (jedenfalls für mich) noch so neu und so aufregend und so spannend war; eine Zeit, in der man sich im Ausland nicht genieren musste, Österreicher zu sein, sondern fast reflexartig zur Antwort bekam: „Ja, Kreisky!“ |